Gesundheit

Pickel, Zahnweh, Schlaflosigkeit: Diese Körpersignale solltest Du nicht ignorieren

Unser Körper spricht zu uns, aber viel zu oft hören wir ihm nicht zu. Wir ignorieren die Bauchschmerzen, das Zahnweh oder die Pickel. Dabei gibt uns der Körper damit wichtige Hinweise auf versteckte Leiden.

Wenn Internisten sich auf einem Kongress treffen, gibt es Vorträge über neue Zielmoleküle gegen Krebs, Tutorien zu Beatmungstechniken, Referate zu Kreislaufmedikamenten. Das Übliche. Ein Thema wie „Die ärztliche Kunst des Seinlassens“ lässt dann aber alle aufhorchen. Es geht um einen Trend, der aus den USA nach Europa geschwappt ist und der sich „Choosing Wisely“ nennt: Ärzte sollen ihre Patienten nicht länger mit voreiligen Untersuchungen und fraglichen Therapien traktieren. Vielmehr sollten die Behandler darauf vertrauen, dass der menschliche Körper gesundheitliche Herausforderungen oft von selbst in den Griff kriegt – und er rechtzeitig Alarm schlägt, wenn sich seine natürliche Ausgleichsfähigkeit erschöpft und er Hilfe von außen braucht.

Der innere Arzt ist ziemlich weise

Diese „Klug wählen“-Initiative ist eine ärztliche Verbeugung vor der Intelligenz, die in unseren 80 Billionen Körperzellen steckt. „Der Organismus bringt laufend, selbsttätig und ohne dass ein Arzt eingreift, Gesundheit hervor. Wer den Körper lässt und auf ihn hört, kann sich seine Klugheit vielfach zunutze machen“, versichert Harald Walach von der Europa-Uni Viadrina in Frankfurt/Oder. Der klinische Psychologe und Wissenschaftstheoretiker beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Mechanismen der Selbstheilung.

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Der Körper ist ein Do-it-yourself-Experte

 Den Körper tun lassen und ihm gut zuhören? Kann in der Praxis ziemlich knifflig werden. Wobei der erste Teil dieser Empfehlung – das Geschehenlassen – noch der simpelste Part ist. Schließlich erweist sich unser Organismus als wahrer Do-it-yourself-Experte. Er baut Gifte mithilfe der Leber ab, repariert Verletzungen durch nachwachsendes Gewebe, schickt Immunzellen auf Krankheitserreger los und erhöht den Blutdruck, sobald die Anforderungen steigen. „Unsere ausgeklügelte Biochemie schichtet intern Ressourcen stets dorthin um, wo sie benötigt werden“, so Walach.

Unser Darm denkt mit

Diese Erfahrung kennt jeder, dem Ärger oder Zeitdruck auf den Magen schlagen. In dem Fall erhält nämlich der hellhörige Bauch über das Nervensystem die Botschaft, dass das Gehirn ein größeres Problem lösen muss. Dafür braucht die Denkzentrale Energie – die der Darm prompt zur Verfügung stellt. „Er reduziert kollegialerweise die Verdauungsarbeit und fährt seine eigene Durchblutung herunter“, erläutert die Spezialistin Giulia Enders in ihrem Beststeller „Darm mit Charme“. Die Folgen: Appetitlosigkeit, Durchfall oder Übelkeit.

Es sind vermeintliche Krankheitszeichen, die in Wirklichkeit Heilreaktionen darstellen. Harald Walach sagt: „Sie sind ein Versuch des Organismus, das ursprüngliche Gleichgewicht und die dynamische Balance aller Einzelsysteme, die wir Gesundheit nennen, wiederherzustellen.“

 

Hören Sie mehr auf die Signale des Bauchhirns

Dass unsere Verdauung so sensibel reagiert, hängt mit einer Besonderheit zusammen. Ähnlich wie im Schädel existiert in der Leibesmitte ein hochkomplexes neuronales Netzwerk. Rund 100 Millionen Nervenzellen sind zu einem Geflecht verschaltet, das Magen und Darm umspinnt. „Das Nervennetzwerk ist ebenso groß wie das des Gehirns und ähnlich komplex“, schreibt Giulia Enders. Hier arbeiten dieselben Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren wie im Kopfgehirn. Enders: „Als größtes sensorisches Organ des Körpers sammelt der Darm seine Informationen sozusagen mitten im Getümmel. Sensibel empfindet er unser Innenleben.“ Tatsächlich funkt das Bauchhirn mehr Signale ans Kopfhirn als umgekehrt. Also ruhig öfter mal auf den Bauch hören!

Harndrang, Herpes, Hautausschlag – reine Stress-Signale

Stress schlägt sich übrigens nicht nur im Darm nieder, sondern auch in anderen Regionen des Körpers: einer hyperaktiven Blase, Lippenherpes, Zahnschmerzen oder Ekzemen der Haut. Bei Letzteren sprechen Experten von einer neurogenen Entzündung. Dabei bildet der Körper unter psychischer Belastung vermehrt eine bestimmte Sorte von Nervenfasern, die in der Haut Stressbotenstoffe freisetzen.

 

Die Warnsignale, mit denen uns der Körper darauf hinweist, dass wir Raubbau mit seinen Ressourcen treiben, sind mannigfaltig. Auch Abgeschlagenheit, Müdigkeit oder der Muskelkater nach dem Sport gehören in die Kategorie dieser evolutionären Schutzmaßnahmen.

Schmerzsignale zwingen zur Schonung

Selbst akute Schmerzen sind nichts anderes als ein Alarmzeichen, das uns zur Schonung zwingt. Oder zum Überdenken von Ernährungsstil und Lebensweise. Rheumatiker zum Beispiel spüren oft eine Linderung ihrer Leiden, wenn sie zweimal wöchentlich zu Wildlachs, Hering oder Makrele greifen und Lein- und Rapsöle konsumieren. „Die Omega-3-Fettsäuren aus diesen Lebensmitteln hemmen die Entzündung, die von den fehlgesteuerten Immunzellen ausgelöst wird“, erklärt der Hamburger Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl in dem Buch „Die Ernährungs- Docs“.

Die geheime Botschaft der Depression

Womöglich existiert sogar ein evolutionärer Schutzmechanismus für die Gesundheit, der eine derart gefährliche Ausprägung annehmen kann, dass er jährlich Tausende Menschen das Leben kostet. Es geht um Depressionen. Laut dem US-Psychiater und Psychologieprofessor Randolph Nesse, der an der Uni von Michigan in Ann Arbor lehrt, könnten Niedergeschlagenheit und fehlender Antrieb eine wertvolle Botschaft des Organismus darstellen: Löse dich von unrealistischen Zielen, die dir zu viel Kraft rauben!

Melancholie als Rauchmelder für überstrapazierte Kraft?

Der geheime Sinn der Melancholieliegt demnach darin, dass sie den Betroffenen zwingt, sich aus dem Alltag zurückzuziehen, seine Verhältnisse zu überdenken und einen Neubeginn unter gesünderen Vorzeichen zu wagen: weg von der 50-Stunden-Woche als Personalchef eines Konzerns hin zu mehr Freiheit als Selbstständiger. Oder umgekehrt: raus aus der prekären Arbeit als freiberuflicher Übersetzer, rein in die Sicherheit der Festanstellung.

Depressionen sind demnach Rauchmelder, die zeigen, dass wir unsere Ressourcen an allzu hoch gesteckte Lebensziele verschwenden? Ziemlich clever vom Körper, uns das auf diesem Wege mitzuteilen. Pech nur: Gelegentlich übertrifft die Intelligenz, die in unseren Organen und Geweben verborgen ist, unsere eigene.

Riskant wird’s, wenn wir die Signale des Körpers ignorieren

Oder wir überhören die offenkundigen Signale und schaden damit auf Dauer der eigenen Gesundheit. Weiteres typisches Beispiel: das moderne Leben entgegen der inneren Uhr. „Wir schlafen immer kürzer, richten uns immer seltener nach dem Tageslicht“, beklagt der Münchner Chronobiologie Till Roenneberg. „Das führt zu einem sozialen Jetlag, der Übergewicht und Herz-Kreislauf- Erkrankungen begünstigt.“

Mehrere Signale warnen: Iss nicht zu viel!

Wer auf längere Sicht zu viel isst, gemessen am Kalorienbedarf, gefährdet sein Wohl. Wissen wir doch eigentlich, oder? Und für alle Fälle hat die Evolution den Körper mit Alarmzeichen ausgestattet, die den Esser auffordern, die Gabel aus der Hand zu legen. Mechanische Dehnungsrezeptoren im Verdauungstrakt melden an den Hypothalamus im Zwischenhirn: Magen gefüllt! Das Sättigungshormon Leptin aus dem Fettgewebe schreit: Energiereserven voll! Auch Blutzucker, Insulin, Serotonin und andere Substanzen bremsen das Hungerzentrum auf unterschiedliche Weise.

Angriff auf den Körper-IQ durch industrielle Lebensmittel

Und dennoch: Wir essen mittlerweile so häufig über den Sättigungspunkt hinaus, dass laut Statistischem Bundesamt 52 Prozent der Deutschen als übergewichtig gelten. Der Grund? Manche Experten vermuten, dass Aromastoffe, Geschmacksverstärker, Emulgatoren und andere Tuning-Stoffe aus Fertiglebensmitteln die natürlichen Körpersignale austricksen.

Im Fokus steht beispielsweise der Würzigmacher Glutamat, der als künstliche Beigabe langweilige Tütensuppen ebenso aufpeppt wie Fertigpizzen oder Kartoffelchips. „Aus Tierversuchen weiß man, dass das Glutamat im Gehirn die Appetitsteuerung stört und die Sättigung verhindert“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin und Autorin Ulrike Gonder. „Vor allem Menschen, die zu Fressattacken neigen, sollten darauf achten, so wenig wie möglich zugesetztes Glutamat zu sich zu nehmen.“ Glutamat versteckt sich auf der Packung hinter dem Kürzel E 620 bis E 625 oder unter Bezeichnungen wie Würze, Hefeextrakt und Aroma. Natürliches Glutamat findet sich in Parmesankäse, reifen Tomaten, Lachs, Pilzen und Schinken.

Süßstoff verwirrt das Sättigungszentum im Gehirn

Experten wie der Diabetologe Achim Peters von der Uni Lübeck nehmen noch einen anderen Verdächtigen ins Visier: Süßstoffe, die als Zuckerersatz in Light-Getränken oder fettarmen Diätlebensmitteln stecken. Die künstliche Süße scheint das Gehirn zu täuschen, weil sie Kalorien verspricht, die dann aber nicht liefert. Deshalb verzögert das misstrauisch gewordene Organ die Sättigungssignale. „Auf diese Weise nimmt der Mensch letztlich mehr Kalorien zu sich“, erklärt Peters.

„Clean Eating“ befreit die kulinarische Körperintelligenz

Natürlich greifen nicht nur Süßstoffe oder Glutamat den Körper-IQ an. Hektisches Snacken in der Mittagspause, das schlaraffenlandähnliche Überangebot an Lebensmitteln zu jeder Uhrzeit, selbst das späte Essen vor dem Fernseher – all das trägt dazu bei, dass wir die sensiblen Sättigungssignale überhören.

Eine Ernährungsphilosophie aus den USA verspricht da Hilfe. Sie nennt sich „Clean Eating“ und bringt durch den Verzicht auf Fertigprodukte die kulinarische Körperintelligenz zurück. „Die wichtigste Regel besteht darin, mit frischen, unbehandelten Zutaten zu kochen, die frei von künstlichen Zusätzen sind“, sagt die Autorin Tosca Reno („Die Eat- Clean Diät“). Glutamat, Süßstoffe und ähnliche Sättigungsüberlister vom Speiseplan verbannen – so einfach kann es manchmal sein, die Weisheit des Körpers wieder aufzuwecken.

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