Persönliche Gesundheit

Frauen bekommen Diagnose Jahre später als Männer

Medizin ist männlich, schon seit Jahrhunderten. Anatomische Forschung, die Dosierung von Medikamenten oder krankheitstypische Symptome: Maßstab ist der männliche Körper. Für Frauen kann das tödliche Folgen haben.

Ein Herzinfarkt deutet sich bei Frauen beispielsweise oft völlig anders an als bei Männern. Den verdächtigen Schmerz im linken Oberarm verspüren sie oft nicht, stattdessen klagen Frauen über Bauch- oder Rückenschmerzen, Übelkeit oder Atemnot. Sie bekommen die Diagnose deshalb oft deutlich später – manchmal zu spät. Statistisch gesehen sterben Patientinnen öfter an einem Herzinfarkt.

„Männer haben eigentlich die Tendenz, später einen Arzt aufzusuchen“

Spätere Diagnosen bei Frauen betreffen offenbar nicht nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dänische Forscher haben die Gesundheitsdaten von 6,9 Millionen Dänen ausgewertet, die Auskunft über Hunderte Krankheiten geben. Das Ergebnis: Frauen sind bei derselben Krankheit im Schnitt vier Jahre älter als Männer, wenn sie die Diagnose bekommen. Untersucht wurden nur Daten aus Krankenhäusern. Über eher harmlose Krankheiten, die nicht in einer Klinik behandelt werden müssen, sagt die Studie deshalb nichts aus.

Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen lag die Spanne bei 4,5 Jahren, bei Krebs bei 2,5 Jahren, berichten die Forscher im Fachblatt „Nature Communication“. „Das hat uns überrascht“, sagt der Hauptautor der Studie, Søren Brunak von der Universität Kopenhagen. „Männer haben eigentlich die Tendenz, später einen Arzt aufzusuchen.“

Die Studie sagt jedoch nichts über die Ursachen für die zeitliche Differenz aus. Das geben die Daten nicht her. Die Forscher vermuten aber, dass eine Kombination aus Genetik, Umweltbedingungen und Vorurteilen im Gesundheitssystem dafür verantwortlich sein könnten. Ein Großteil der zeitlichen Unterschiede lässt sich wahrscheinlich dadurch erklären, dass Krankheiten bei Frauen im Schnitt später auftreten als bei Männern.

Ausnahme Osteoporose

Laut den Forschern lassen sich damit jedoch nicht alle Unterschiede erklären. Besonders die Daten zu Osteoporose legen nahe, dass das Geschlecht mitbestimmt, wann eine Krankheit diagnostiziert wird. Bei der Skelettkrankheit werden die Knochen porös. In Deutschland leiden etwa sechs Millionen Menschen daran, vor allem Frauen. Osteoporose gilt deshalb als Frauenkrankheit.

Das zeigte sich auch in den Daten aus Dänemark. Denn im Gegensatz zu den allermeisten Erkrankungen wurde Osteoporose bei Frauen deutlich früher festgestellt. Betroffene Männer bekamen die Diagnose dagegen meist erst, wenn sie bereits einen Knochenbruch erlitten hatten.

Die Ärztin Marcia Stefanick von der Standford University überrascht das nicht: „Wenn Männer Krankheiten bekommen, die im Gesundheitssystem als Frauenkrankheiten angesehen werden, bekommen sie die Diagnose meist später und in einem ernsteren Stadium“, sagt die Forscherin, die nicht an der Studie beteiligt war. Das gelte auch für den umgekehrten Fall, wenn Frauen an vermeintlichen „Männerkrankheiten“ leiden. Dieses Problem werde in der medizinischen Ausbildung bisher zu wenig berücksichtigt.

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