Persönliche Gesundheit

Grausame Tat in Frankfurt: Psychiater erklärt, was hinter der Tat stecken könnte

Bis vor einer Woche galt der aus Eritrea stammende mutmaßliche Täter als unbescholtener Mann. Erst seit vergangenem Donnerstag suchte die Schweizer Polizei den 40-Jährigen mit Wohnsitz nahe Zürich, der am Montag am Frankfurter Hauptbahnhof eine Frau und ihren Sohn aus heiterem Himmel vor einen ICE gestoßen hat – Menschen, die er gar nicht kannte und zu denen er in keinerlei Verbindung stand.

Noch im Gleisbett starb der 8-jährige Junge an seinen Verletzungen. Nur mit vereinten Kräften konnten Passanten verhindern, dass der Täter noch weitere Menschen aufs Gleis stieß.

Erst vergangene Woche wurde Habte A., der 2006 unerlaubt in die Schweiz einreiste und dort 2008 Asyl erhielt, auffällig. Er soll seine Nachbarin mit einem Messer bedroht und sie anschließend in seiner Wohnung eingesperrt haben – zusammen mit seiner eigenen Frau und den drei Kindern. Daraufhin floh er. Seine Frau erklärte den dortigen Behörden, dass sie ihren Mann vorher noch nie so erlebt habe.

Psychose als Ursache für die scheinbar motivlose Tat

Selbst im Berufsleben lief für den Eritreer bisher alles positiv: Er soll seit mehreren Jahren bei den Verkehrsbetrieben Zürich gearbeitet haben – zuvor war er Bauschlosser in Arau. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft in Zürich. Noch vor zwei Jahren wurde er sogar in einer Publikation des Schweizerischen Arbeiterhilfswerk als Musterbeispiel der Integration porträtiert.

Wie kann also ein Mensch, der noch bis vor einer Woche scheinbar normal war und als Vorbild für andere fungierte, plötzlich unschuldige Menschen bedrohen und töten? Der Gerichtspsychiater Peter Winckler aus Tübingen mutmaßt, dass eine psychiatrische Störung dahinterstecken könnte: „Da es sich scheinbar um eine motivlose Tat handelt, könnte eine Psychose ursächlich für sein Verhalten sein“, so der Experte.

Wahnvorstellungen, Halluzinationen – Psychosen können plötzlich auftreten

Diese kann aus heiterem Himmel auftreten und führt je nach Schweregrad zu Wahnvorstellungen und akustischen Halluzinationen. „Der betroffene kann Stimmen hören, die ihm Handlungen befehlen und denen er sich ausgeliefert fühlt“, so der Experte. Auch Wahrnehmungsstörungen und Wahnvorstellungen können hinzukommen. „Der Betroffenen sieht und hört Dinge, die gar nicht existieren und von denen er sich bedroht fühlt“, so Winckler.

Dass eine psychiatrische Erkrankung hinter der Tat stecken könnte, darauf deutet auch die Mitteilung der Staatsanwaltschaft Zürich hin: Demnach sei Habte A. 2019 tatsächlich in psychiatrischer Behandlung gewesen. Er war deswegen angeblich krankgeschrieben.

Betroffene setzen Medikamente oft eigenmächtig ab

Wie Winckler ausführt, kommen bei der Behandlung von Psychosen sogenannte Neuroleptika zum Einsatz, die eine antipsychotische Wirkung haben: Sie hemmen die motorische Aktivität, Erregungszustände und Aggressivität. Ein häufiges Problem laut Winckler sei aber, das betroffene Patienten die Medikamente eigenmächtig absetzten, weil sie die Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, Schläfrigkeit und Schwindel als belastend empfinden.

Ob Habte A. tatsächlich wegen einer Psychose in Behandlung war, ist bis dato nicht bekannt. Auch wenn die Ursache vieler Psychosen nicht genau geklärt ist, gebe es laut Winckler einen genetisch determinierten Krankheitsprozess. Das bedeutet, dass diese Erkrankung oft in der Familie liegt. Dennoch können auch viele andere Faktoren eine Rolle spielen – neben biologischen, psychologischen auch soziologische.

Psychosen führen nicht selten zu kriminellen Handlungen

Anders verhält es sich bei sogenannten sekundären Psychosen, bei denen sich eine äußere Ursache feststellen lässt. Sie können die Folge von Hirnschädigungen durch Demenzerkrankungen oder Schädel-Hirntrauma, aber auch von neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie oder Parkinson sein. Ebenso von Infektionen, Stoffwechselerkrankungen, Vergiftungen und Drogen wie LSD oder Cannabis.

Dass eine paranoide Wahnvorstellung zu der Tat in Frankfurt geführt haben kann, hält Winckler nicht für ausgeschlossen. „In meiner Tätigkeit als Gerichtsgutachter sind mir schon einige Fälle untergekommen, bei denen Psychosen zu kriminellen Handlungen geführt haben“. So könne er sich auch an einen Fall erinnern, bei dem ein Mann im Wahn einen Menschen vor die S-Bahn schubste und dadurch tötete.

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