Persönliche Gesundheit

Kann dieses Medikament Alzheimer aufhalten?

Es gibt wohl kaum ein Medikament, das die Menschheit sehnlicher erwartet, als ein Mittel gegen das Vergessen. Weltweit leben rund 50 Millionen Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz. Sie wissen, was es bedeutet, wenn Erinnerungen schwinden. Erst die neuen. Dann die alten, während sich die Krankheit immer weiter in die Persönlichkeit gräbt.

Seit Jahrzehnten scheitern Unternehmen daran, ein Mittel auf den Markt zu bringen, das nicht nur für kurze Zeit Symptome lindert, sondern tatsächlich das Fortschreiten der Krankheit verlangsamt. Das könnte sich jetzt ändern. Das Unternehmen Biogen hat angekündigt, noch im nächsten Jahr in den USA eine Zulassung für den Antikörper Aducanumab zu beantragen. Es wäre der erste Antrag für eine Alzheimer-Therapie seit 16 Jahren. Doch das Mittel ist hochumstritten.

Noch im März hatte Biogen verkündet, dass der Antikörper nicht wirke. Seit 2015 hatte das Unternehmen versucht, die Effekte des Mittels in zwei Studien nachzuweisen. Doch die Zwischenergebnisse schienen so aussichtslos, dass Biogen beide Studien abbrach. Trotzdem wertete das Unternehmen in den kommenden Monaten noch Patientendaten aus, deren Ergebnisse aber noch nicht in die Zwischenbilanz eingeflossen waren.

Ende Oktober folgte die große Überraschung: Biogen teilte seinen Investoren mit, das Medikament wirke doch, zumindest hochdosiert und bei einigen Patienten in einem sehr frühen Stadium der Krankheit. Es geht um viel Geld, Analysten der Wall Street schätzen, dass Aducanumab vier Milliarden US-Dollar jährlich einbringen könnte. Diese Woche hat Biogen Details der neuen Ergebnisse auf einer Konferenz in San Diego vorgestellt, um die vielen Skeptiker in den Reihen der Wissenschaft zu überzeugen. Was steckt dahinter?

Gehirnschwellungen als Nebenwirkung

Der Antikörper Aducanumab kann das Eiweißbruchstück Amyloid aus den Gehirnen von Alzheimerkranken entfernen. Doch der Erfolg des Mittels hängt offenbar wesentlich von der Dosis ab, die ein Patient über den Zeitraum der Behandlung erhält. Dass es noch im März so schien, als würde das Medikament nicht wirken, erklärt Biogen denn auch damit, dass die Dosierung am Anfang der Studie bei zu vielen Patienten zu niedrig war.

Tatsächlich sprechen die neuen Daten dafür, dass hochdosiertes Aducanumab den Krankheitsverlauf bei Alzheimer im Früh- und Vorstadium etwas verlangsamen kann. Ein Wundermittel aber ist es ganz sicher nicht.

Um den Erfolg des Medikaments zu messen, führten die Forscher unter anderem einen Test durch, der die kognitive Leistungsfähigkeit bewertet. Wurden Patienten mit Aducanumab behandelt, schnitten sie am Ende des Behandlungszeitraums von 78 Wochen im Durchschnitt um 0,39 Punkte besser ab als diejenigen, die nur ein Placebo erhalten hatten. Obwohl dies ein statistisch signifikanter Unterschied ist, bezweifeln manche Experten, dass sich diese Differenz überhaupt entscheidend auf das Leben der Betroffenen auswirkt. Demnach wären mindestens ein bis zwei Punkte Unterschied notwendig.

Fraglich ist auch, wie praktikabel die Therapie in der Praxis wäre. Bei der Behandlung mit dem hoch dosierten Medikament entwickelte mehr als jeder dritte Patient eine Gehirnschwellung als Nebenwirkung. Zwar führte diese nur bei 20 bis 30 Prozent der Betroffenen zu Beschwerden. Trotzdem fürchten Experten, dass das Gehirn der Patienten regelmäßig mit Kernspinaufnahmen überwacht werden müsste. Das ist teuer. Fast ein Viertel der Teilnehmer brach außerdem die Therapie ab, aus verschiedensten Gründen.

Schwierige Entscheidung für die Zulassungsbehörde

Biogen und Experten, die das Unternehmen aufs Podium berufen hatte, verbreiteten bei der Präsentation in San Diego dennoch Zuversicht für das Zulassungsverfahren des Medikaments. „Alle diese Daten weisen darauf hin, dass die Krankheit beeinflusst wird. Das bedeutet, dass die Effekte über die Zeit weiter anwachsen werden“, sagte etwa Paul Aisen, ein Alzheimer-Experte von der University of Southern California.

Wissenschaftlich belegt ist diese Aussage nicht, dafür hatten die beiden Untersuchungen nicht lange genug gedauert. Möglich ist auch, dass die Effekte nur vorübergehend anhalten. Um das zu klären, bräuchte es eine weitere Untersuchung, die allerdings noch einmal einige Jahre in Anspruch nehmen würde. Viele fordern diese dritte Studie auch, weil Biogen seine neuen Erkenntnisse nur auf eine der beiden durchgeführten Studien stützen kann, bei der zweiten zeigten sich trotz der Neuberechnungen keine Effekte. Das Unternehmen begründet auch das mit zu niedrigen Dosierungen.

„Weitere Untersuchungen sind notwendig, um einzuschätzen, welche Bedeutung Aducanumab für die Alzheimerbehandlung haben kann“, sagt Michael Heneka, Direktor der Klinik für Neurodegenerative Erkrankungen und Gerontopsychiatrie der Universität Bonn. „Eine Therapie, die der Krankheit ihren Schrecken nehmen kann, wird wahrscheinlich aus mehreren, ganz unterschiedlichen Medikamenten bestehen müssen.“

Urteilen müssen am Ende die US-Gutachter der Food and Drug Administration (FDA), die über die Zulassung des Medikaments entscheiden. „Sie werden einen sehr schwierigen Job haben“, sagte Eric Siemers, ein früherer Alzheimerforscher bei Eli Lilly, der nicht an der Studie beteiligt war. Ein Analyst schätzte die Wahrscheinlichkeit, dass Aducanumab es schafft, auf weniger als 50 Prozent.

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