Persönliche Gesundheit

Unausgesprochene Erwartungen klären

Eltern im AlterUnausgesprochene Erwartungen klären

SPIEGEL WISSEN hat ein achtwöchiges Pflege-Coaching entwickelt, das dabei hilft, alte Eltern kompetent zu begleiten. Dies ist der sechste Teil. Die anderen Teile finden Sie hier.

Was tun, wenn Eltern pflegebedürftig werden? Wer würde sich um sie kümmern, und in welchem Umfang? Und sind Kinder ihren Eltern nicht generell Hilfe schuldig? Geht es um die Frage, wie erwachsene Kinder ihre alten Eltern kompetent begleiten können, schwingen auch immer unausgesprochene Normen und Erwartungen im Hinblick auf den „richtigen“ Umgang mit alten und hilfsbedürftigen Menschen mit.

In den vorangegangenen Wochen dieses Coachings haben Sie wahrscheinlich schon ein ganz gutes Gefühl dafür bekommen, dass die Frage, wie Hilfe für älter werdende Eltern konkret aussehen könnte, am besten in einem Kommunikationsprozess mit allen Beteiligten gelöst wird.

Doch die unausgesprochenen Erwartungen an sich und andere schwingen im Kontakt zwischen den erwachsenen Kindern und den älter werdenden Eltern häufig mit. Typisch sind beispielsweise Kinder, die weit weg von den Eltern wohnen, sich aber verantwortlich für deren Pflege fühlen. Oder Eltern, die auf keinen Fall in ein Heim wollen und unausgesprochen davon ausgehen, dass eines der Kinder „sich schon kümmern wird“ oder sogar zu ihnen zieht.

Diese Erwartungen bremsen dann oft die Lösungsfindung oder sie werden zu einer Art Tabu. Sie kommen gar nicht oder nur andeutungsweise auf den Tisch und behindern dadurch Entwicklungen.


Folgende Übungen können Ihnen bei der Erwartungsklärung helfen:

Was geht, was geht nicht? Sammeln Sie zunächst einige unausgesprochene Erwartungen, die Sie selbst an die Phase haben, wenn Ihre Eltern alt und pflegebedürftig sind. Und überlegen Sie auch, welche impliziten Erwartungen in Bezug auf diese Zeit Sie bei Ihren Eltern mitbekommen haben. Hier finden Sie einige typische Beispiele:

Aufseiten der Eltern:

  • Ich will nicht ins Heim.
  • Ich lasse mich nur von meinen Kindern pflegen.
  • Von euch Kindern erwarte ich, dass ihr euch um mich kümmert – ich habe ja auch eine Menge für euch getan.
  • Wenn ich pflegebedürftig werde, dann möchte ich, dass du in meine Gegend ziehst oder dass ich zu dir ziehen kann.
  • Wenn mein Partner stirbt, will ich, dass du dich mehr um mich kümmerst.
  • Ich will, dass du dich um mein Haus und meinen Besitz kümmerst, schließlich erbst du das alles mal.
  • Meine Schwiegertochter wird mich einmal pflegen – sie ist vor Ort.
  • Du wirst mich pflegen – du bist vor Ort.

Aufseiten der Kinder:

  • Pflegen – das macht meine Schwester, die in der Nähe meiner Eltern wohnt.
  • Meine Schwägerin ist Hausfrau – sie kann die Pflege übernehmen und durch das Pflegegeld etwas dazuverdienen.
  • Klar kann ich vorbeikommen, aber eher einmal in der Woche als jeden Tag.
  • Ich wohne weit weg, die tägliche Pflege werden Dienstleister übernehmen.
  • Ich will die Pflege meiner Eltern mitgestalten, aber ich habe auch mein eigenes Leben.
  • Gern übernehme ich viele Aufgaben rund um den Einkauf, die Gartenarbeit etc. Die körperliche Pflege meiner Eltern kann ich mir aber nicht vorstellen.
  • Ich will mich unbedingt so viel es geht um meine Eltern kümmern, wenn sie meine Hilfe brauchen.

Haben Sie Erwartungen gefunden, die auf Ihre Familie zutreffen? Gut. Dann überlegen Sie im nächsten Schritt, wie realistisch Ihre eigenen Erwartungen sind und wie realistisch die Erwartungen Ihrer Eltern sind. Führen Sie darüber bei passender Gelegenheit ein offenes Gespräch mit Ihren Eltern.

Sind Vater und Mutter noch sehr fit, gibt es keinen Zeitdruck. Dann können Sie sich hier und jetzt überlegen, wann Sie dieses Gespräch in den nächsten Monaten führen wollen. Sind Ihre Eltern bereits in einer Lage, wo sie Unterstützung brauchen, versuchen Sie möglichst bald mit Ihnen zu reden.

Tipp: Das Gespräch nicht in einer großen offiziellen Familienrunde führen. Erkunden Sie die jeweiligen unausgesprochenen Erwartungen lieber wieder in einem klaren, aber beiläufigen Gespräch beim gemeinsamen Werkeln oder Spazierengehen.


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Wichtig ist die Art der Kommunikation: Versuchen Sie, im Gespräch immer auch die Wünsche und Bedürfnisse zu sehen, die hinter bestimmten Erwartungen Ihrer Eltern stecken. Wer sagt, dass er sich nur von seinen Kindern pflegen lassen will, drückt dadurch auch ein Bedürfnis nach Nähe und Fürsorge aus. Versuchen Sie, dies zu würdigen und gemeinsam Lösungen zu finden, die solche Bedürfnisse berücksichtigen.

Trotz allem ist es wichtig, klar darzustellen, was man selbst gern geben will und wo die eigenen Grenzen sind. Und: Es müssen im ersten Schritt keine perfekten Lösungen gefunden werden. Es geht primär darum, dass die Erwartungen offengelegt werden – und man sie in die Gesamtsituation aktiv einbeziehen kann.

Wir wünschen Ihnen Mut und Freude auf dem Weg zu neuen Plänen und Lösungen mit Ihren Eltern.

Ihr SPIEGEL-WISSEN-Team

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