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Kein Kinderwunsch: Warum jede(r) auch ohne Kind glücklich sein kann

Wenn ein Paar sich bewusst gegen Kinder entscheidet, empfinden viele das als persönlichen Affront. Eine zutiefst persönliche Entscheidung wird mit der bloßen Frage, „Wann ist es denn bei euch soweit?“ von der Familie, Kollegen oder Bekannten in die Öffentlichkeit gezerrt.

Viele Menschen sehen im biologischen Kind und dessen Erziehung die Erfüllung – und das ist toll. Trotzdem möchte nicht jede Person Kinder, und das ist genauso in Ordnung!

Sarah Diehl, Autorin des Buches „Die Uhr die nicht tickt“, sieht dafür viele Gründe: die völlige Einschränkung der freien Zeitgestaltung, ein überhöhtes Mutterideal oder die mangelhafte Ausgangssituation durch die Zurückdrängung in das Modell der Kleinfamilie.

Das Modell der Kleinfamilie ist erst 200 Jahre alt

Obwohl sich viele Frauen als emanzipierte Persönlichkeiten sehen, werden sie nach der Geburt des Kindes in das traditionelle Rollenbild zurückgedrängt.

Das typische Klischee: Die Mutter bleibt zu Hause und kümmert sich um Heim und Kind. Der andere Elternteil verdient besser, nimmt deshalb keine oder nur wenig Elternzeit und geht weiterhin arbeiten, in Vollzeit.

Dr. Alena Rentsch – Kinderplanung

Neurowissenschaftlerin und Psychotherapeutin Dr. Alena Rentsch

Dr. Alena Rentsch ist Neurowissenschaftlerin und psychologische Psychotherapeutin bei HelloBetter, einem Unternehmen für Online-Trainings zur Behandlung psychischer Beschwerden.

Sie bemerkt diese Tendenz privat wie beruflich: „Dass Männer mehr als zwei Monate Elternzeit nehmen, ist selten und wird teils auch negativ kommentiert. Daran merken wir, dass bestimmte Konstellationen und Rollenbilder einfach noch nicht aufgebrochen sind.“

Auch eine Studie der Friedrich Ebert Stiftung zeigt, wie sehr dieses Klischee häufig immer noch zutrifft: Lediglich 22 Prozent der Frauen mit Kindern arbeiten nach der Geburt wieder in Vollzeit. Von den Männern sind es 90 Prozent. Diese Zahlen sprechen tatsächlich gegen die eigentlich empfundene Emanzipation unserer Gesellschaft.

Vollzeit-Erwerbstätigkeit bei Frauen und Männern

Frauen waren lange unbezahlte „Fürsorgerinnen“ der Familie

Die Gründe dafür, dass doch meistens die Mütter zu Hause bleiben, liegen einerseits an der finanziellen Situation und veralteten Gesetzen aus dem 1950er-Jahren, wie dem Ehegattensplitting, die es zu barem Geld machen, wenn sie in der Frau-am-Herd-Situation verharrt.

Ein anderes Resultat ist die Betrachtungsweise der biologischen Frau, die lange in erster Linie Ressource war — eine kostenlose Fürsorgekraft, die sich um Kinder, Alte und Kranke kümmert. Die sich ohne diese Fürsorge nahezu mangelhaft fühlt:

Sarah Diehl – Kinderplanung

Buchautorin Sarah Diehl

„Deshalb wird Frauen auch immer Egoismus vorgeworfen. Die egoistische Frau ist viel schlimmer, als der egoistische Mann. Von der Frau wird gewollt, dass sie sich um Andere kümmert. Und die Kinderfrage ist der Dreh- und Angelpunkt, um dieses Ideal hoch zu halten“, erklärt die Autorin Sarah Diehl.

Frauen entsolidarisieren sich stärker als Männer

In den seltensten Fällen hat die Kinderlosigkeit allerdings etwas mit Egoismus zu tun. Sarah Diehl ist Anfang 40 und selbst kinderlos, entlastet aber gerne enge Freunde bei der Kindererziehung, wenn die mal Ruhe vom Nachwuchs benötigen.

Sie sieht in Modellen wie Co-Parenting oder der sozialen Elternschaft eine tolle Bereicherung für die Gemeinschaft, bei der beispielsweise Freunde gemeinsam Eltern werden oder sich gegenseitig unterstützen.

Von diesen Lebensentwürfen bekommt man aber nur wenig mit, wenn man sich nicht bewusst dafür interessiert. Stattdessen stellten sich insbesondere Frauen gegenseitig an den Pranger, wenn diese sich für unterschiedliche Lebensentwürfe entscheiden, sagt Diehl:

„Ich finde es erschreckend, wie sehr Frauen gegenseitig den Druck aneinander abgeben. Nach dem Motto: Eine Frau, die Mutter geworden ist und diese Bürde trägt, will ihre Freundinnen da mit reinziehen. Dann sitzen alle im gleichen Boot“.

Männern werde diese Thematik weniger aufgedrängt, weshalb diese einen psychologischen Vorteil hätten: „Die werden von diesem Tohuwabohu in Ruhe gelassen und müssen sich nicht gegenseitig zerfleischen.“

Soziale Medien drängen das Ideal der Übereltern auf

Zu diesem Druck kommt zusätzlich der Vergleich durch soziale Medien wie Instagram. Der Flut an Baby-Fotos, süßen Baby-Einrichtungsgegenständen und Ähnlichem kann man sich ab einem gewissen Alter kaum entziehen.

Dass dieses Ideal nicht 24/7 zutrifft und vor allem nicht zwangsweise das Beste für Kind und Eltern ist, ist realistisch gesehen logisch.

Doch stressen diese Bilder nicht nur andere (werdende) Mütter und Väter, sondern auch Personen, die sich vielleicht keine Kinder wünschen: „Elternschaft ist Teil der Leistungsgesellschaft geworden. Das ist mittlerweile etwas, das man wirklich als Erfolg performen muss“, so Diehl.

Eine ähnliche Beobachtung macht auch die Psychotherapeutin Dr. Rentsch: „Aus meiner Erfahrung mit Patienten und Patientinnen weiß ich, dass viele Frauen den Anspruch an sich haben, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren und gleichzeitig in beiden Bereichen besonders gut zu sein. Diese Rollenerwartungen unterscheiden sich zwischen Männern und Frauen und können auf andere Art und Weise Druck auslösen.“

Dabei bieten gerade soziale Medien ein buntes Potpourri an Lebensentwürfen und möglichen Vorbildern. Deshalb kann und sollte man als Nutzer oder Nutzerin aktiv eingreifen und bewusst steuern, wen oder was man konsumiert.

„Es gibt auf Instagram so viele Vorbilder und Persönlichkeiten, die uns inspirieren können: Paare, die keine Kinder bekommen können, Frauen und Männer, die keine Kinder wollen und stattdessen andere großartige Pläne für ihr Leben haben, Frauen, die sich für künstliche Befruchtung entschieden haben, homosexuelle Paare, die sich Kinder wünschen, etc.

Wenn dann ein Social-Media-Feed entsteht, der menschliche Vielfalt abbildet, ist das nicht nur gut für unsere Gesellschaft, sondern auch für unsere psychische Gesundheit“, regt Alena Rentsch an.

Lebensentwürfe sollten gleichwertig nebeneinander stehen

Das könnte auch ein erster Schritt zu mehr Vielfalt und Toleranz für unterschiedliche Lebensmodelle sein. Nur, weil man sich selbst für einen anderen Lebensentwurf entscheidet, heißt das nicht, dass man andere für deren Entscheidungen abwertet.

Nicht zuletzt sollte die noch immer empfundene Rollenerwartung die eigene Entscheidung nicht beeinflussen. Die Psychotherapeutin Alena Rentsch möchte deshalb zu mehr Selbst-Reflektion ermutigen:

„Der Diskurs über Rollenerwartungen ist für mich als Psychotherapeutin eigentlich weniger wichtig, als die Leute dazu zu ermutigen, sich aktiv mit ihren eigenen Wünschen, Werten und Zielvorstellungen auseinanderzusetzen. Wenn man immer über diese Rollenerwartungen redet, verstärken die sich ja auch. Lieber sollte man sich überlegen: Wie finde ich für mich eine Antwort auf die wichtigen Fragen des Lebens?“

Strukturelle Ungleichheiten anzugehen, wie die noch immer unterschiedliche Elternzeit, muss auf der politischen Ebene gelöst werden.

Doch könnte man es allen Geschlechtern sicherlich leichter machen, wenn man über Themen wie die Kinderfrage und damit verbundene Erwartungen offen und so vorurteilsbefreit wie möglich sprechen und gegenseitig in den respektvollen Austausch treten würde.

Damit im eigenen Freundeskreis zu beginnen, könnte zumindest ein Anfang sein.

Quellen

  • Diehl, S. (2014): Die Uhr, die nicht tickt, Arche Literatur Verlag, Zürich – Hamburg
  • Friedrich Ebert Stiftung (2016): Was junge Frauen wollen, abgerufen am 29.10.2020: http://library.fes.de/pdf-files/dialog/12633.pdf
  • Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (2019): Wochenbericht zum Elterngeld, abgerufen am 29.10.2020: https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.673396.de/19-35-1.pdf
  • Deutsches Jugendinstitut (2017): Formen von Elternschaft, abgerufen am 29.10.2020: https://www.dji.de/themen/eltern/formen-von-elternschaft.html

Mirjam Bittner

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