Gesundheit

Aufgeheizte Debatte um Astrazeneca-Impfstoff – Fachleute verteidigen Vakzin als "hochwirksam"

Die einen sehen die Corona-Apotheke der EU durch den Impfstoff bestens ausgestattet, die anderen melden Bedenken an, ob das Vakzin von Astrazeneca ausreichend Schutz bietet. Während die aktuellen Corona-Zahlen in Deutschland langsam sinken und viel über Lockerungen und die Öffnungsstrategie der Bundesregierung diskutiert wird, entsteht eine große Debatte um das Präparat. Diesem wurde zuletzt eine geringere Wirksamkeit bescheinigt als seinen Konkurrenten. Ein Grund zur Sorge?

Der Virologe Christian Drosten hält grundsätzliche Bedenken gegen den Impfstoff für unbegründet und ist für einen breiten Einsatz des Impfstoffes. Der Charité-Virologe sehe keine Veranlassung, das Vakzin aus schwedisch-britischer Produktion in Deutschland nicht zu spritzen, wie er im Podcast "Coronavirus-Update" vom Dienstag bei NDR-Info sagte. Wenn er sich die öffentliche Diskussion um diesen Impfstoff anschaue, habe er den Eindruck, dass vieles falsch verstanden worden sei.

Und auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verteidigte das Vakzin und unterstrich abermals, dass der Impfstoff von Astrazeneca sicher sei. Er selbst würde sich impfen lassen, sagte er im Interview mit RTL. "Ausdrücklich auch mit Astrazeneca. Das ist ein sicherer und wirksamer Impfstoff." Lediglich bei der südafrikanischen Virusmutation gebe es Hinweise auf einen nur geringeren Schutz. Zu Berichten über vermehrte Nebenwirkungen bei dem Präparat, sagte Spahn, häufig gehe es hier um "Impfreaktionen", die zeigten, "dass das Immunsystem angesprungen ist".

Der Impfstoff von Astrazeneca hat eine geringere Wirksamkeit als die beiden anderen in Deutschland zugelassenen Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna. Während die Mittel von Moderna und Biontech eine Wirksamkeit von 94 und 95 Prozent haben, sind es bei Astrazeneca nach einer neuen Studie nach der ersten Impfung 76 Prozent und nach der zweiten bis zu 82 Prozent. Kürzlich wurde zudem bekannt, dass das Astrazeneca-Präparat bei einer zunächst in Südafrika entdeckten Variante wohl weniger vor milden und schweren Verläufen von Covid-19 schützt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt jedoch weiterhin den Einsatz des Impfstoffs. In Deutschland hat die Impfkommission das Vakzin des britisch-schwedischen Konzerns nur für unter 65-Jährige empfohlen.

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Drosten hält für Deutschland insbesondere die Variante aus Großbritannien (B.1.1.7) für relevant, wie er erläuterte. Deren Anteil wachse hierzulande, ebenso wie in anderen Ländern. Neue Daten vom Robert Koch-Instituts dazu werden in dieser Woche erwartet. B.1.1.7 bedeute aber laut einer Studie keinen Nachteil für die Schutzwirkung des Astrazeneca-Impfstoffs, so Drosten.

Virologe Drosten: „Es gibt immer irgendwo ein Haar in der Suppe“

Im Zusammenhang mit der niedrigeren Wirksamkeit gibt es jedoch Berichte über eine geringere Bereitschaft zur Impfung mit dem Vakzin. So kritisierte die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann, dass am Wochenende bei einer "Sonderimpfung im medizinischen" Bereich 54 Prozent von 200 zur Impfung angemeldeten Personen nicht erschienen seien, ohne den Termin abzusagen.

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, sprach sich wegen der geringeren Wirksamkeit in der "Rheinischen Post" sogar gegen eine Astrazeneca-Impfung bei medizinischem Personal aus – die Probleme ließen sich nicht "wegdiskutieren". Er halte es für "geboten, Menschen mit hohem Infektionsrisiko, zu denen medizinisches Personal oder Pflegekräfte gehören, mit besser wirksamen Vakzinen zu impfen." Jüngere Menschen mit wenigeren Kontakten und einem geringeren Risiko für schwere Verläufe könnten hingegen von Astrazeneca profitieren, sagte Montgomery weiter. Er forderte: "Es muss eine Auswahlmöglichkeit der Impfstoffe für die Menschen geben, damit die Impfbereitschaft hoch bleibt." Leider habe der Impfstoff von Astrazeneca ein Imageproblem, und es sei "genau die Verunsicherung aufgetreten, die alle vermeiden wollten."

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Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, erteilte einer freien Wahlmöglichkeit beim Corona-Impfstoff eine Absage. "Alle Impfstoffe haben ein reguläres Zulassungsverfahren durchlaufen und sind hochwirksam. Wie bei jedem anderen Serum können Reaktionen auftreten", sagte Brysch der "Rheinischen Post". Für die nächsten Monate bleibe absehbar, dass nicht ausreichend Impfstoffe zur Verfügung stünden. "Deshalb muss priorisiert werden. Solange das so ist, kann es keine Wahlmöglichkeiten geben", sagte er.

Beim SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach stieß Montgomerys Aussage auf Unverständnis. Er kritisierte den "Boykottaufruf von Montgomery" als "verantwortungslos". "Wie wollen wir Bürger für diesen lebenswichtigen Impfstoff gewinnen, wenn Ärztekammerpräsident ihn für Ärzte für nicht gut genug hält?", fragte Lauterbach auf Twitter. Das Vakzin könne bei "den meisten Mutationen schwere Verläufe und Tod verhindern, vielleicht bei allen". Ab Ende Februar werde er als Impfarzt in Leverkusen im Einsatz sein und sich mit dem Präparat impfen lassen. "Das gesamte Team, auch ich, werden uns mit dem Astra-Impfstoff impfen. Wir vertrauen ihm."

Auch Virologe Drosten verteidigte das Vakzin und warb dafür, "jetzt so schnell wie möglich in der Breite zu impfen." Die verfügbaren Impfstoffe seien extrem gut gegenüber dem, was man erwarten konnte. "Es gibt immer irgendwo ein Haar in der Suppe, und manche schauen da mit dem Vergrößerungsglas drauf."

Bislang nur kleiner Teil gelieferter Astrazeneca-Impfdosen verimpft

Nachdem die ersten Lieferungen des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca zwischen der EU und dem britisch-schwedischen Hersteller hart umkämpft gewesen sind, liegt das Präparat in den Bundesländern nun aber offensichtlich auf Halde. Bundesweit wurden von 736.800 bislang gelieferten Impfdosen nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom Dienstag lediglich 64.869 Dosen verimpft. Grund zur Sparsamkeit gibt es jedoch nicht, denn Nachschub ist bereits am Donnerstag zu erwarten.

Laut Bundesgesundheitsministerium sollen dann von Astrazeneca noch einmal 736.800 Impfdosen geliefert werden, am 27. Februar dann weitere gut eine Million Impfdosen. Insgesamt werden demnach bis einschließlich 1. April rund 5,6 Millionen der Dosen erwartet.

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