Gesundheit

Corona jetzt wie Influenza: Dänische Epidemiologin kritisiert deutsche Corona-Angst

Während Deutschland eine Verschärfung der Corona-Regeln ab Oktober plant, verzichten andere Länder komplett auf weitere Beschränkungen. Die bekannte dänische Epidemiologin Lone Simonson hält die deutsche Strategie für falsch und erklärt, warum Dänemark ohne Beschränkungen aus ihrer Sicht besser fährt.

Ab Oktober soll es in Deutschland wieder strengere Corona-Maßnahmen geben. Denn wegen der hohen Infektionszahlen diesen Sommer – aktuell sind über 1,5 Millionen Menschen infiziert – sieht Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach einen katastrophalen Herbst auf uns zukommen. Vor allem, wenn eine neue Variante auftauchen würde, die möglicherweise schwerere Erkrankungen als die dominierende BA.5-Variante auslöst.

Dänemark: Bedrohung durch Corona ähnlich wie durch Influenza

Weniger sorgenvoll in die Zukunft blicken dagegen andere Länder um uns herum, die schon seit geraumer Zeit alle Beschränkungen aufgehoben haben. Darunter auch Dänemark. „Wir haben uns dafür entschieden, zu sagen, die Bedrohung durch Corona ist ähnlich wie die der saisonalen Influenza“, erklärt die führende dänische Epidemiologin Lone Simonsen von der Universität Roskilde bei „ t-online “. Deshalb werde in Dänemark auch nicht anders darauf reagiert und das gesellschaftliche Leben sei weiter geöffnet, so Simonsen weiter.

Lage in Dänemark trotz BA.5 entspannt

Tatsächlich infizieren sich in Dänemark aktuell deutlich weniger Menschen mit Corona als in Deutschland, wo die Inzidenz derzeit bei 417 Fällen pro 100.000 Einwohnern liegt. In Dänemark liegt die Quote bei etwas über 180.

ourworldindata.org Die Infektionszahlen pro eine Million Einwohnern in Deutschland und in Dänemark

Laut Epidemiologin Simonsen sei die Lage daher entspannt. „Wir haben im Januar und Februar eine große BA.2-Welle durchgemacht, bei der sich die meisten Dänen infiziert haben“, sagte sie weiter bei „t-online“. Laut Schätzungen des staatlichen Forschungsinstituts SSI hätten sich zwei Drittel der Dänen im vergangenen Winter infiziert – die Dunkelziffer sei vermutlich aber noch höher. Laut Simonsen hätten zwar auch in der jetzigen BA.5-Welle die Krankenhausaufenthalte zugenommen, aber sie stagnierten und gingen aktuell sogar zurück, so die Epidemiologin.

Natürliche Immunität und hohe Impfquoten in Dänemark

Laut Simonsen seien vor allem zwei Gründe dafür verantwortlich, dass die Lage in Dänemark aktuell so entspannt sei: „In unseren Daten sehen wir, dass Menschen, die eine natürliche Infektion hatten, darauf vertrauen, dass sie durch die Impfstoffe wirklich gut vor BA.5 geschützt sind", so Simonsen. Es sei also die Kombination aus Impfung und natürlicher Immunität, die sich positiv auswirkten.

„Es läuft so, wie wir uns das gedacht haben“, sagt Simonsen: „Wir setzen auf die Impfstoffe und wir haben uns mit natürlichen Infektionen gestärkt, die wir durchmachen mussten.“ Tatsächlich liegt die Impfquote in Dänemark laut Daten des Dänischen Gesundheitsministeriums bei 77 Prozent bezüglich Zweit- und Drittimpfung – 68 Prozent haben sogar eine vierte Impfung erhalten. In Deutschland dagegen ist die Quote etwas geringer: 76 Prozent der Bevölkerung sind grundimmunisiert und 61 Prozent geboostert.

Kritik an Deutschland: Infektionen lassen sich nicht verhindern

Dass Deutschland sich vor einem möglichen katastrophalen Corona-Herbst wappnet, kann Simonsen dennoch nicht nachvollziehen. „Wir müssen uns bewusst machen, dass wir Infektion nicht verhindern können, sagte sie weiter bei „t-online“. Man müsse daher Immunität in der Bevölkerung aufbauen und auch ein gewisses Risiko eingehen: „Ja, Leute werden krank und leider werden manche Menschen ernsthaft krank und manche sterben auch“, so Simonsen.

„So lange dies nicht schwerwiegender als bei der saisonalen Grippe ist, glauben wir, dass es keinen Grund gibt, anders zu handeln“, sagte sie im Bezug auf den dänischen Weg. Dass in Deutschland eine bedrohliche Lage für den Krankenhaussektor gäbe, sehe sie nicht, da nur wenige Betten auf der Intensivstation belegt seien. Laut aktuellen Daten des Divi-Intensivregisters liegen derzeit 1346 Covid-Patienten auf den Intensivstationen in Deutschland. Zu Hochzeiten während der zweiten Welle im Januar 2021 lagen über 5500 schwere Covid-Fälle bundesweit auf den Intensivstation.

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„Virus keine Gefahr mehr – Expertengruppe in Deutschland fordert Ende aller Maßnahmen“

Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Experten, die die Lage ähnlich wie die dänischen Epidemiologin einordnen. In einem Positionspapier fordert beispielsweise die Expertengruppe rund um die Mediziner Thomas Voshaar und Matthias Schrappe sowie den Medizinstatistiker Gerd Antes ein Ende staatlicher Maßnahmen. „Aus epidemiologischer und medizinischer Perspektive ist das Virus nach derzeitigem Sachstand keine Gefahr mehr für das Gesundheitssystem und die Bevölkerung“, heißt es darin. Denn Covid als schwere und auch lebensbedrohliche Erkrankung werde in den Krankenhäusern praktisch gar nicht mehr gesehen.

Deshalb sind Voshaar und seine Kollegen davon überzeugt, dass es für den Herbst keiner weiteren Maßnahmen bedarf. Ständiges Testen oder gar eine Maskenpflicht seien nicht mehr nötig – auch keine Quarantäne. Nur Risikogruppen müssten weiterhin geschützt werden.

Epidemiologe Timo Ulrichs: Gesundheitswesen noch nicht auf der sicheren Seite

Der Berliner Epidemiologe Timo Ulrichs sieht diese Forderungen sehr kritisch. Denn wir hätten die endemische Phase weder in Deutschland noch weltweit erreicht. Auch der Behauptung, das Virus stelle keine Gefahr mehr dar, widerspricht er: „Ich finde, dass 150 bis 200 Tote jeden Tag zu viel sind, um zu behaupten, es bestehe keine Gefahr mehr für die Bevölkerung“, sagte er auf Nachfrage von FOCUS Online.

„Auch das Gesundheitswesen ist noch nicht auf der sicheren Seite: Es kann sehr wohl sein, dass wir wieder an die Kapazitätsgrenzen der Intensiv- und Normalstationen kommen, wenn sich die Pandemiewelle im Herbst auf die Sommerwelle aufsetzt – auch wenn es anteilig weniger schwere Verläufe gibt“, gibt der Epidemiologe zu Bedenken.

Simonsen: Globale Lage entspannt sich – Pandemie endet bald

Auch im Bezug auf die globale Lage zeigt sich die dänische Epidemiologin Simonsen im Gegensatz zu vielen deutschen Experten optimistisch. Die Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigten, dass das schlimmste hinter uns liege. In Bezug auf Infektionslage und Sterblichkeit seien die Zahlen weltweit rückläufig – zwar nicht überall zur gleichen Zeit, aber im globalen Gesamtbild, sagte sie bei „t-online“.

Zwar werde es mit Sicherheit neue Varianten geben, aber dennoch geht die Epidemiologin davon aus, dass die Pandemie in naher Zukunft enden wird: „Ich bin zuversichtlich, egal, was passiert“, sagte sie weiter gegenüber „t-online“. Vielleicht werde dies noch nicht diesen Herbst der Fall sein, aber sie ist davon überzeugt, dass es immer besser werde und auch bald eine Ende habe. „Vielleicht nicht in diesem Herbst aber irgendwann in naher Zukunft werden wir uns mit anderen Dingen befassen“.

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