Gesundheit

COVID-19: Wie sicher und wie wirksam ist der Impfstoff von AstraZeneca? – Heilpraxis

Bewertung des COVID-19-Impfstoffs von AstraZeneca

Aufgrund mehrerer Fälle von Hirnvenenthrombosen bei jüngeren geimpften Personen ist der Impfstoff von AstraZeneca stark in die Kritik geraten. In Deutschland wird inzwischen empfohlen, nur noch Menschen über 60 Jahren damit zu impfen. Doch wie wirksam und wie sicher ist dieses Vakzin eigentlich?

Wie das Bundesministerium für Gesundheit auf seiner Webseite erklärt, hat die Ständige Impfkommission (STIKO) vor kurzem einen Empfehlungsentwurf abgegeben, nach dem der Impfstoff von AstraZeneca in erster Linie für Über-60jährige einzusetzen ist. Wer jünger ist, kann auf eigenen Wunsch und nach ausführlicher Aufklärung trotzdem damit geimpft werden. Viele Menschen sind jedoch verunsichert und fragen sich, wie sicher dieser Impfstoff wirklich ist.

Britische Impfkampagne beschleunigt

Wie das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in einer aktuellen Mitteilung schreibt, steht der Impfstoff von AstraZeneca und der Universität Oxford für die Hoffnung auf ein schnelles Ende des Lockdowns. Das Vakzin lässt sich in einem normalen Kühlschrank lagern, ist preiswert und hat Großbritanniens Impfkampagne beschleunigt.

Doch Mitte März setzte Gesundheitsminister Jens Spahn Impfungen mit AstraZeneca auf Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) vorübergehend aus. Seit der erneuten Zulassung erscheinen zahlreiche Patientinnen und Patienten nicht zu den eigentlich knappen Impfterminen.

Und jetzt wird empfohlen, dieses Vakzin in erster Linie für ältere Personen einzusetzen.

Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung erklärt nun anhand der neuesten Studiendaten, wie sicher die Impfung von AstraZeneca ist.

Berichtete Wirksamkeit verändert sich

Am 22. März hat AstraZeneca in einer Pressemitteilung über die vorläufigen Ergebnisse einer neuen Studie in den USA, Chile und Peru mit 32.449 Menschen berichtet. Die Wirksamkeit des Impfstoffs ist demnach 79 Prozent für symptomatische COVID-19 Erkrankung. Dies bedeutet, dass auf je 100 Erkrankte unter den Nicht-Geimpften lediglich 21 Erkrankte unter den Geimpften kamen.

Als Erkrankte gelten in dieser Studie Personen, welche infiziert sind (positiver COVID-19 Test) und mindestens ein typisches Symptom haben, zum Beispiel mindestens 37,8 Grad Celsius Fieber.

Die berichtete Wirksamkeit verändert sich aber auch im Laufe der Studien. Wenige Tage nach der Pressemitteilung vom 22. März berichtete AstraZeneca, dass sich mit Berücksichtigung der letzten Daten eine Wirksamkeit von 76 statt 79 Prozent ergibt.

In diesen Pressemitteilungen werden aber nicht die absoluten Zahlen angegeben, die gebraucht werden, um die Berechnung der Wirksamkeit nachvollziehen zu können. Dazu nimmt das Institut die im Januar publizierte AstraZeneca-Studie aus Brasilien, Großbritannien und Südafrika, welche die absoluten Zahlen berichtet: Unter den 5.829 Nicht-Geimpften gab es 101 Erkrankte und unter den 5.807 Geimpften waren es nur 30.

Das heißt, dass sich der Anteil der Erkrankten von 101/5.829 auf 30/5.807 verringerte, also um etwa 70 Prozent. Diese Wirksamkeit wurde bis zu fünf Monate nach der ersten Impfdosis und bis zu drei Monate nach der zweiten Impfdosis bestimmt – im Mittel also deutlich kürzer.

Am einfachsten kann die Wirksamkeit berechnet werden, indem man einen gemeinsamen Nenner nimmt, wie etwa 1.000 Personen. Dies ergibt dann bei Nicht-Geimpften rund 17 Erkrankte und bei Geimpften fünf Erkrankte unter je 1.000 Personen. Die Wirksamkeit der Impfung berechnet sich dann als (17 – 5)/17, was einen Wert von etwas über 70 Prozent ergibt.

Wirksamkeit von 100 Prozent

Die Fachleute weisen darauf hin, dass man aber nicht sagen kann, die Wirksamkeit eines Impfstoffes ist genau 70 oder 79 Prozent. Sie variiert mit dem Land, der Variante des Coronavirus, dem Alter der Personen und anderen Faktoren.

Zudem erklärt das Institut, dass man nicht den voreiligen Schluss ziehen sollte, zu denken, 95 Prozent Wirksamkeit bei BioNTech oder Moderna schützen vor einem Krankenhausaufenthalt besser als 70 oder 79 Prozent bei AstraZeneca.

Zum einen beziehen sich diese Zahlen auf Erkrankungen (definiert als positiver Test und mindestens ein Symptom; die Definitionen variieren jedoch zwischen den Herstellern), nicht auf die wichtigen schweren Erkrankungen oder Krankenhausaufenthalte. Für letztere werden sowohl für AstraZeneca als auch für Moderna eine Wirksamkeit von 100 Prozent berichtet, die Fallzahlen waren aber alle sehr niedrig.

Zum anderen wird im Englischen zwischen Efficacy (Wirksamkeit) und Effectiveness (Wirksamkeit unter realen Bedingungen) unterschieden. Letztere hängt von Faktoren ab, die in einer klinischen Studie nicht alle beachtet werden können.

Zur Wirksamkeit von AstraZeneca unter realen Bedingungen liegt jetzt eine erste Auswertung aus Schottland vor. Diese zeigt, dass dieser Impfstoff bisher mindestens so effektiv wie jener von BioNTech ist.

Sicherheit der Impfung

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) meldete am 16. März, dass es im zeitlichen Zusammenhang mit AstraZeneca-Impfungen in Deutschland zu sieben schweren Fällen von Hirnvenenthrombosen kam (sechs davon Frauen). Bei 1,6 Millionen Impfungen wäre jedoch nur etwa ein Fall zu erwarten gewesen.

Der Impfstoff wurde darauf in Deutschland vorübergehend nicht mehr verwendet. Am 18. März bestätigte die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) ihre Einschätzung, dass der Nutzen der Impfung die Nebenwirkungen überwiegt, es keinen Zusammenhang zwischen dem Insgesamt-Risiko von Blutpfropfen gibt, aber es einen Zusammenhang mit sehr seltenen Fällen wie Hirnvenenthrombosen geben könnte.

Die EMA berichtete von 25 solchen Fällen in 20 Millionen Europäerinnen beziehungsweise Europäern. Das würde einer Wahrscheinlichkeit von einem schweren Fall in 800.000 Menschen entsprechen, oder einem in 229.000 im Fall der deutschen Zahlen.

Am 30. März meldete das PEI jedoch insgesamt 31 Fälle von Hirnvenenthrombose (29 davon Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren) unter insgesamt 2,7 Millionen Personen, die mit AstraZeneca geimpft wurden.

Hierzulande hatte man bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend jüngere Menschen mit AstraZeneca geimpft, in Großbritannien hingegen auch viele ältere. Dort wurden lediglich fünf Fälle von Hirnvenenthrombosen unter elf Millionen Geimpften berichtet. Dies legt den Verdacht nahe, dass diese seltene Komplikation vor allem jüngere Frauen trifft.

Es kann daher sinnvoll sein, bis zum Vorliegen belastbarerer Erkenntnisse die bisherige Strategie, nur jüngere Menschen mit AstraZeneca zu impfen, zu beenden und alle Gruppen außer jüngere Frauen damit zu impfen. Derzeit gibt es noch viele Über-60-Jährige, die nicht geimpft sind, und es bietet sich an, AstraZeneca vorrangig für diese Gruppe zu nutzen.

Das Risiko dieser seltenen Hirnvenenthrombosen kann man laut dem RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung zudem am besten im Kontext einordnen. Setzt man die Impfung aus, können wegen der Knappheit der Impfstoffe anderer Produzenten deutlich weniger Menschen geimpft werden, was zu weitaus mehr schweren Erkrankungen durch COVID-19 und Todesfällen als die seltenen Hirnvenenthrombosen führt. (ad)

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