Gesundheit

„Das ist ist keine Kurve mehr, die Werte gehen senkrecht nach oben“

Nicht mehr nur Corona bereitet Deutschlands Gesundheitssektor Sorgen: Die Infektionen mit dem sogenannten RS-Virus nehmen stark zu. Betroffen sind vor allem Kinder. „Die Situation ist katastrophal“, sagen Fachleute.

Auch nach zwei harten Corona-Wintern reißen die Warnungen nicht ab – und dieses Jahr, prognostizieren manche Experten, könnte es sogar zu einem „perfekten viralen Sturm“ oder einer „Tripledemic“ kommen. Gemeint ist damit der gleichzeitige Anstieg dreier Atemwegserkrankungen in der kalten Jahreszeit – Covid-19, Influenza und Infektionen mit dem sogenannten RS-Virus.

Letztgenannter Krankheitserreger ist eigentlich ein harmloses Virus. Bei infizierten Erwachsenen löst es typische Erkältungen aus – mit Husten, Halsschmerzen und Müdigkeit. Kleinkindern jedoch kann das humane Respiratorische Synzytial-Virus auch gefährlich werden. Im schlimmsten Fall wird eine intensivmedizinische Behandlung notwendig.

Derartige Fälle häufen sich derzeit. Dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge beginnt die typische Saison im November und gipfelt in den Monaten Januar und Februar. Doch in diesem Jahr steigen die Fallzahlen beispielsweise in den USA deutlich schneller an als sonst, wie der öffentliche Rundfunksender „NPR“ berichtete.

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Nach dem Wegfall vieler Corona-Maßnahmen im Frühjahr 2021 haben Fachleute dort ungewöhnliche Muster bei der Zirkulation anderer Viren beobachtet, hieß es weiter. Zudem hätten Kinder, die kurz vor oder während der Pandemie geboren wurden, aufgrund der Kontaktbeschränkungen kaum Kontakt mit verbreiteten Erregern wie dem RS-Virus gehabt, weshalb sie keine Immunität dagegen aufbauen konnten.

„Wir haben diese ganze Kohorte an jungen Kindern, die nicht wie sonst üblich konstant Viren ausgesetzt waren, in Kindertagesstätten. Jetzt kommen sie damit in Kontakt und werden schwer getroffen“, sagte der Arzt Vandana Madhavan, der im Brigham-Krankenhaus in Boston die Abteiling Pädiatrie leitet, gegenüber „NPR“.

Zustände in Kinderkliniken sind „Armutszeugnis für Deutschland“

Auch in Deutschland sehen sich die Kliniken mit einem sprunghaften Anstieg von RS-Patienten im Kindesalter konfrontiert. Gegenüber FOCUS online berichtete etwa der Dortmunder Klinikdirektor Dominik Schneider, dass die „räumlichen und personellen Ressourcen erschöpft“ seien. Die Situation sei schlecht, und das flächendeckend: So gebe es teilweise Anfragen aus Städten wie Bonn, über 100 Kilometer entfernt, ob es denn noch Platz für ein erkranktes Kind gebe.

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Derartige Zustände sind keine Einzelfälle, wie weitere Berichte zeigen. Erst am Samstag berichtete der „Bayerische Rundfunk“ über den Fall eines Familienvaters aus München, dessen Sohn womöglich mit dem RS-Virus infiziert ist. Nach der Fahrt in die Kinderklinik habe es „Stunden gedauert, bis jemand zu uns kam“. Die erste Nacht dort hätten die Frau des Mannes – der selbst Pfleger ist – und der kranke Sohn auf einer Liege im Behandlungszimmer verbracht.

Auch anderswo seien die Stationen angesichts des rapiden Anstiegs der RSV-Fälle voll. „Es ist keine Kurve mehr, sondern die Werte gehen senkrecht nach oben“, sagt der Kinder-Intensiv- und Notfallmediziner Florian Hoffmann. Dass Familien mit kranken Kindern nun in der Notaufnahme auf Pritschen schlafen müssten, sei ein „Armutszeugnis für Deutschland“.

Nur 2 von 100 Kliniken haben noch freie Intensivbetten

Ein Problem dabei sei, dass die Zahl schwerer Fälle zunehme, bei denen auch eine Beatmung notwendig werde. Die dafür notwendige, intensivmedizinische Betreuung könnten aber nicht mehr alle Kliniken leisten. „Die Situation ist katastrophal. Die Kliniken behelfen sich mittlerweile damit, Kinder auf Normal- und Intermediate-Care-Stationen unterzubringen, wo sie nicht hingehören. Denn sie werden dort beatmet – eine Therapie, die eigentlich eine intensivmedizinische Betreuung erfordert“, kommentierte Nina Meckel, Sprecherin der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), gegenüber dem „BR“.

Eine DIVI-Umfrage verdeutlicht, wie zugespitzt die Lage bereits landesweit ist. Laut einer seit Donnerstag laufenden Umfrage unter Kinderkliniken gebe es gerade einmal in 2 von 100 Krankenhäusern jeweils noch ein freies Intensiv-Kinderbett.

Nun wackle die Versorgung für die kalte Winterzeit. „Wir werden diesen Winter nicht mehr alle versorgen können“, warnte Hoffmann. „Die Kollegen landauf landab wissen nicht wohin mit unseren kleinen Pati­enten“, so der Arzt. Die DIVI plant darum, in der kommenden Woche Forderungen und Lösungsvorschläge zu präsentieren, damit die Versorgung schwerstkranker Kinder wieder gesichert werden kann.

Einige wenige Lichtblicke gibt es. Fast jedes Kind mache bis zum Ende des zweiten Lebensjahres eine RSV-Infektion durch, so das RKI. Das verschaffe zwar keine langfristige Immunität, aber die durchaus üblichen Reinfektionen mit dem verbreiteten Virus würden meist milder verlaufen.

Womöglich bleibt die „Tripledemic“ aus

Hinzu kommt, dass erste Experten daran zweifeln, ob es wirklich zu einer „Tripledemic“ und einem etwaigen Kollaps des Gesundheitssystem kommen wird. Stattdessen sei es wahrscheinlicher, dass die verschiedenen Viren in aufeinander folgenden Wellen zirkulieren. Den Kliniken würde ein gleichzeitiges Gipfeln der Fallzahlen aller Erkrankungen erspart bleiben.

„Die Grippe und andere Atemwegserkrankungen wie das Coronavirus kommen einfach nicht gut miteinander aus“, sagte der US-Virologe Richard Webby der Fachzeitschrift „Science“. Dominiert ein hochansteckender Virus das Infektionsgeschehen, würden andere Erreger praktisch „verschwinden“, ergänzte der Epidemiologe Ben Cowling aus Hong Kong.

Ein möglicher Grund dafür seien sogenannte Interferone. Diese Botenstoffe, die zu den Zytokinen gehören, lösen bei einer Infektion eine breite Immunantwort aus. Breitet sich ein Virus wie Corona flächendeckend aus, wird durch die Interferone zeitweise eine ebenso flächendeckende Immunität gegen Erreger geschaffen, die ebenfalls auf die Atemwege abzielen.

 

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