Gesundheit

Forscher erklären, wo sich Menschen am häufigsten mit Corona anstecken

Die Corona-Kurve biegt sich nach oben. In Deutschland haben sich wieder mehr Menschen mit Sars-CoV-2 angesteckt. Der allergrößte Teil hat sich hierzulande infiziert. Das Problem: Die Lage ist diffus und beschränkt sich nicht auf Hotspots.

Der Blick auf die Deutschland-Karte zeigt: Die Covid-19-Aktivität färbte einen Landkreis tiefrot (Dingolfing-Landau), zwei weitere Kreise orange (Hof, Weimar). Dazu kommen viele gelbe und hellgelbe Flecken. Je dunkler die Farbe, umso mehr Covid-19-Fälle meldeten die Kreise für die letzten sieben Tage an das Robert-Koch-Institut (RKI).

Lagebericht RKI 28.07.20 An das RKI übermittelte Covid-19-Fälle der letzten 7 Tage in Deutschland nach Kreis und Bundesland (n=3. 611, 28.07.2020, 0:00 Uhr). Die Fälle werden nach dem Kreis ausgewiesen, aus dem sie übermittelt wurden. Dies entspricht in der Regel dem Wohnort. Wohnort und wahrscheinlicher Infektionsort müssen nicht übereinstimmen.  

Das sieht auf den ersten Blick nicht bedrohlich aus. Doch auf den zweiten Blick zeigt sich, was aktuell die Gefahr ist: Es gibt bundesweit viele kleinere Ausbruchsgeschehen in verschiedenen Landkreisen, die mit unterschiedlichen Situationen in Zusammenhang stehen.

Covid-19: Hier stecken sich die Menschen in Deutschland an

Seit dem großen Ausbruch beim Schlachtbetrieb Tönnies hat sich nämlich eines verändert: Die steigenden Fallzahlen spiegeln ein deutschlandweites Geschehen wider. Die Pandemieexpertin und Leiterin des Fachgebiets Surveillance am RKI, Ute Rexrodt, nennt die Lage „diffus“. „Es sind wirklich leider viele betroffen“, sagt Rexrodt. Die Fallzahlen steigen in unterschiedlichen Kommunen und Gemeinden. Übertragungen gebe es „wirklich überall“. Als Infektionsorte nennt das RKI:

  • Arbeitsplatz
  • Alten- und Pflegeheime
  • Freizeitaktivitäten
  • Gemeinschaftsunterkünfte, Flüchtlingseinrichtungen
  • Gesundheitseinrichtungen
  • größere Feiern im Familien- und im Freundeskreis
  • Kindertagesstätten
  • religiöse Gemeinschaften

Durch die breite Verteilung ist es deutlich schwieriger, Fälle nachzuverfolgen und das Virus einzudämmen. Natürlich seien unter den Neuinfizierten auch Reiserückkehrer. Aber, sagt Rexrodt, „der allergrößte Teil hat sich in Deutschland angesteckt“.

Die aktuellen Entwicklungen der Corona-Pandemie finden Sie im Live-Ticker von FOCUS Online.

Nach Deutschland folgen in der Tabelle des Robert-Koch-Instituts zu möglichen Infektionsländern von übermittelten Fällen: Kosovo, Serbien, Türkei.

Das sind die 15 am häufigsten genannten Infektionsländer der übermittelten Covid-19-Fälle, KW 27-  30 (Mehrfachnennungen möglich):

Lagebericht RKI 28.07.20 Die 15 am häufigsten genannten Infektionsländer der übermittelten Covid-19-Fälle, KW 27- 30 (Mehrfachnennungen möglich), 28.07.2020, 00:00 Uhr.  

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Experten mahnen, Gefahr weiter ernst zunehmen

Dass die kleinen Ausbrüche in ganz Deutschland häufiger werden, betrachtet RKI-Chef Lothar Wieler mit „großer Sorge“: Wir müssten verhindern, dass das Virus sich wieder unkontrolliert ausbreitet.   
 
 

„Der prozentuale Anstieg in den vergangenen Tagen, der sich nicht nur aus einzelnen größeren lokalen Ausbrüchen ergibt, sondern aus Infektionen an den unterschiedlichsten Ecken, ist brandgefährlich“, zeigt sich auch der Infektiologe Gerd Fätkenheuer im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ besorgt.

Der Forscher beobachtet ein nachlassendes Gefahrenbewusstsein in der Bevölkerung. „Was sich derzeit in den Köpfen abspielt“ stelle ein großes Risiko dar, sagt der Forscher der Uniklinik Köln. Die Menschen fühlten sich heute viel sicherer als noch vor einem Vierteljahr. „Mit dem starken Rückgang der Zahlen werden die Gefahren, die nach wie vor von dem Virus ausgehen, nicht mehr in gebührendem Maße wahrgenommen.“

Ähnlich sieht das der Virologe Alexander Kekulé in seinem MDR-Podcast: „Ich befürchte tatsächlich, wenn wir das psychologisch nicht in den Griff bekommen, dass wir die Kontrolle verlieren.“ Dabei hätten wir uns in Deutschland etwas erarbeitet, wofür uns die halbe Welt beneide. Doch „ein kleiner Teil der Bevölkerung ist in die Trotzphase übergegangen“ und möchte „das Problem einfach nicht mehr wahrhaben“.

Covid-19: Welche Menschen sich in Deutschland anstecken

Mit den Lockerungen kam bei vielen der lockere Umgang mit Hygieneregeln. Seit Anfang Juli nimmt die Fallzahl stetig zu. So liegt der 7-Tage-R-Wert seit Mitte Juli 2020 wieder bei 1 oder leicht darüber. Von den an das RKI übermittelten Fällen sind 51 Prozent weiblich und 49 Prozent männlich. Insgesamt sind von den Fällen, in denen Angaben zum Alter und zum Geschlecht vorliegen:

  • 5878 Kinder unter 10 Jahre (2,9 Prozent),
  • 10.631 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren (5,2 Prozent),
  • 91.660 Personen im Alter von 20 bis 49 Jahren (44 Prozent),
  • 61.325 Personen im Alter von 50 bis 69 Jahren (30 Prozent),  
  • 30.819 Personen im Alter von 70 bis 89 Jahren (15 Prozent) und
  • 5429 Personen im Alter von 90 Jahren und älter (2,6 Prozent).

Bei 500 Personen seien das Alter und/oder das Geschlecht unbekannt, schreibt das RKI im aktuellen Lagebericht. Der Altersdurchschnitt liege bei 48 Jahren. Die höchsten Inzidenzen fänden sich in den Altersgruppen ab 90 Jahren.

In drei Landkreisen liegt eine erhöhte Inzidenz mit mehr als 25 Fällen / 100.000 Einwohnern vor: Landkreis Hof und Landreis Dingolfing-Landau und Landkreis Weimar.

Im Landkreis Dingolfing-Landau (Bayern) wurde eine 7-Tage-Inzidenz mit mehr als 100 Fällen/100.000 Einwohner bestimmt. Der Anstieg ist auf einen Ausbruch unter Erntehelfern in einem landwirtschaftlichen Betrieb in der Gemeinde Mamming zurückzuführen. In einem Betrieb mit mehr als 450 Mitarbeitern wurden in Reihenuntersuchungen mehr als 150 Sars-CoV-2-Infektionen festgestellt. Es wurde eine Quarantäne für den gesamten Betrieb angeordnet. Der örtlichen Bevölkerung (3300 Einwohner) wird die freiwillige Testung in einem mobilen Testzelt angeboten.

Im Landkreis Hof wurde eine hohe 7-Tage-Inzidenz mit mehr als 35 Fällen/ 100.000 Einwohner beobachtet. Hierfür sind mehrere Ausbruchsgeschehen verantwortlich. Ein Ausbruch in einer Großfamilie betrifft mehrere Familien in umliegenden Ortschaften.

Bei einem weiteren Ausbruch handelt es sich um eine Bundesland-übergreifendes Geschehen im Anschluss an eine Familienfeier, bei dem auch Personen aus im Landkreis Weimar in Thüringen betroffen sind. Zusammen mit einem weiteren familienbezogenen Ausbruch erklärt dies den Anstieg der Inzidenz auf mehr als 25 Fälle/ 100.000 Einwohner in Weimar. Aufgrund der insgesamt noch laufenden Umgebungsuntersuchungen ist noch mit weiteren Fällen zu rechnen.

Covid-19-Lagebericht vom 28.07.2020

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Beginnt die zweite Welle?

Ob es sich um den Beginn einer möglichen zweiten Welle handle, könne man nicht wissen, sagte RKI-Chef Lothar Wieler, aber es könne sein. Sollten die Gesundheitsämter die Fälle nicht mehr nachverfolgen können, sieht Virologe Kekulé ebenfalls die Gefahr einer zweiten Welle.

Die Rede von einer „zweiten Welle“ lehnt Fätkenheuer, der wesentlich an der Entwicklung des Covid-19-Medikaments Remdesivir mitgearbeitet hat, ab. „Das Wort Welle klingt nach etwas Schicksalhaftem, dem wir vielleicht entfliehen, das wir aber nicht beeinflussen können.“ Das treffe auf die derzeitige Situation nicht mehr zu.

„Wenn man die Dinge laufen lässt, wird die Lage unbeherrschbar.“

Gerd Fätkenheuer

„Die Pandemie kommt nicht zurück, sie ist da. Wir waren und sind in ein und derselben Pandemie, die wir mal besser, mal schlechter im Griff haben. Die Gefahr jedenfalls ist definitiv da. Und wir müssen sehr aufpassen, dass wir nicht spätestens nach dem Ende des Sommers mit sinkenden Temperaturen und der Verlagerung des sozialen Lebens in geschlossene Räumlichkeiten in eine Situation hineinlaufen, die schlimmer ist als im März und April“, mahnt Fätkenheuer weiter. „Wenn man die Dinge laufen lässt, wird die Lage unbeherrschbar.“

Das sei die bittere Lehre und zugleich die dringende Warnung aus dem Vergleich mit den USA. „Wir haben viel erreicht, aber wir können das Erreichte und unseren Vorsprung auch verspielen. Und dann wird es extrem schwer werden, gegenzusteuern. Auch das sieht man besonders gut in den USA.“ Das Infektionsgeschehen im Griff zu behalten sei nach wie vor möglich, wenn alle Schutzvorkehrungen konsequent beachtet werden.

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