Gesundheit

Großes Potenzial für bewährte Wirkstoffe

Beim ersten komplett online veranstalteten Eppendorfer Dialog zeigte sich das große Potenzial bewährter Wirkstoffe auch für neue Anwendungsgebiete. Neue Nutzungen zu erschließen, scheitert allerdings an Fehlanreizen bei der Preisbildung für Arzneimittel. Über Lösungsansätze für dieses Problem wurde ebenso kontrovers diskutiert wie über geeignete Instrumente gegen Lieferengpässe.

Am Dienstag fand der 25. Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik statt. Das Jubiläum war zugleich die Premiere als Online-Veranstaltung. Dabei ging es um die große Bedeutung der bewährten Arzneimittel als Fundament für die Versorgung. Durch die Veranstaltung führte Professor Achim Jockwig, Vorstandsvorsitzender des Klinikums Nürnberg, als Moderator. Zunächst stand das Repurposing im Vordergrund, also der Einsatz bekannter Arzneistoffe für neue Indikationen.

Chancen durch Wirkstoffe gegen viele Targets

Professor Theo Dingermann aus Frankfurt am Main erläuterte die großen Vorteile, wenn unter bekannten Arzneistoffen nach neuen Anwendungen gesucht wird. Die Ausfallrate bei der Forschung sei viel geringer als bei neuen Stoffen, die vorklinischen Untersuchungen und Tierversuche könnten entfallen und damit seien die Kosten niedriger. Da ältere Arzneistoffe noch nicht gezielt für ein bestimmtes Target entwickelt, sondern empirisch gefunden worden seien, böten sie große Chancen, auch neue Ziele im menschlichen Körper zu adressieren. 

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Mit Blick auf die Pandemie schränkte Dingermann jedoch ein, dies gelte nicht für Strukturen in Viren, gegen die gezielte Mittel nötig seien. Ein neues positives Beispiel für das Repurposing biete das Antidiabetikum Sitagliptin, das in Kombination mit Tacrolimus oder Sirolimus gegen Abstoßungsreaktion bei Stammzelltransplantationen untersucht werde. Außerdem zeichne sich für Metformin eine neue Perspektive als „Star der seriösen Anti-Aging-Forschung“ ab.

Fehlanreize bei der Preisbildung

Dr. Norbert Gerbsch, Leiter des Innovations- und Healthcare-Managements beim mittelständischen Pharmaunternehmen Pohl-Boskamp, beschrieb bewährte Wirkstoffe als Domäne der mittelständischen Industrie. Auf solche Wirkstoffe entfielen etwa 95 Prozent der Versorgung, aber nur etwa die Hälfte des Umsatzes der Arzneimittel. Sie seien zunehmend von Lieferengpässen betroffen, zumal die Wirkstoffproduktion seit dem Jahr 2000 zunehmend aus Europa abgewandert sei.

Im Vergleich zur Suche nach neuen Wirkstoffen erfordere das Repurposing zwar deutlich geringere Investitionen. Doch die Pharmaindustrie wende diese Beträge nicht auf, wenn sie keine Aussicht auf Refinanzierung habe. Die bestehenden Regularien würden damit gerade wirtschaftlich aussichtsreiche Entwicklungen verhindern, bei denen keine exorbitanten Preise drohen. Daher wies Gerbsch auf die Forderung der betroffenen Unternehmen hin, die Festbeträge und das Preismoratorium für neue Anwendungsgebiete auszusetzen, wenn dabei bestimmte Absatz- und Umsatzschwellen nicht überschritten werden. Öffnungsklauseln bei der Erweiterung der Indikation würden nicht weiterhelfen, wenn es um eine ganz neue Indikation gehe. Weiteren regulatorischen Handlungsbedarf sieht er bei altersgerechten Darreichungsformen für Kinder. Außerdem erinnerte Gerbsch an die Forderung, bei Rabattverträgen an jeweils drei Hersteller Zuschläge zu erteilen.

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