Gesundheit

HNO-Ärzte setzen Mandel-OPs bei Kindern aus – Lauterbach spricht von Erpressung

Die HNO-Ärzte streiken. Wegen schlechterer Bezahlung von Mandel-Operationen bei Kindern setzen Ärzte diese kurzerhand komplett ausgesetzt. Eine Wiederaufnahme soll es erst bei besserer Vergütung geben. Lauterbach reagiert entsetzt.

„Bis zu einer deutlich verbesserten Bezahlung durch die Krankenkassen sollen ab sofort bundesweit keine neuen Termine für Mandeloperationen bei Kindern vergeben werden.“ So der etwas überraschende Aufruf des Deutschen Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohrenärzte sowie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, am vergangenen Montag. Es bleibe nichts anderes übrig, „um auf die katastrophale Lage aufmerksam zu machen und die Verantwortlichen zum Handeln zu bewegen“.

HNO-Ärzte setzen Mandel-OPs bei Kindern aus – darum geht es

Sie begründeten dies mit einer Kürzung der Erstattungsbeträge zu Jahresbeginn (Teilreform des ambulanten Operierens) und damit, dass die Eingriffe für die Ärzte nicht mehr wirtschaftlich seien. Die Ärzte würden „bei jedem Eingriff draufzahlen müssen“, erklärte Verbandspräsident Jan Löhler. Gleichzeitig würden die Operateure „überrannt“. Die durchschnittliche Wartezeit für eine Operation bei Kindern läge bereits bei vier bis fünf Monaten – Tendenz steigend.

Das Problem laut Verband: Die Krankenkassen drückten die Preise so, dass sich ambulantes Operieren für die Ärzte nicht mehr lohne, viele würden entsprechende Operationen deshalb schon längst nicht mehr anbieten. Die Folge: Immer weniger Operateure und (zu) lange Wartezeiten. Schon 2019 hätte man gewarnt, nun erfolgte am 1. Januar eine erneute Preisabsenkung. Weil die allgemeinen Kosten durch Inflation, Energiekrise und Fachkräftemangel steigen, empfinde man diese erneute Kürzung als „Affront“.

HNO-Ärzte setzen Mandel-OPs bei Kindern aus – scharfe Kritik von Lauterbach und Krankenkassen

„Es ist empörend, wie schamlos einige Ärzteverbände versuchen, immer mehr Geld aus den Taschen der Beitragszahlenden der gesetzlichen Krankenversicherung herauszuholen und nicht einmal vor Drohungen gegen die Gesundheit von Kindern halt machen“, erklärte etwa der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Er warf den Medizinerverbänden „maßloses und unethisches Handeln“ vor und forderte die Politik zum Einschreiten auf.

Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) fand deutliche Worte: „Kinder leiden zu lassen, um höhere Honorare zu erpressen, ist unethisch und inakzeptabel“, sagte er der „Bild am Sonntag“.

„Kein Arzt wird die OP-Tätigkeit wiederaufnehmen, weil er derart beschimpft wird“

Am heutigen Montag zog der HNO-Berufsverband eine erste Zwischenbilanz: 85 Prozent der ambulanten Operateure würden sich an der Aktion beteiligen, ergab demnach eine Online-Umfrage des Verbands.

Auch die Kritik wies der Verband zurück und machte zudem deutlich, dass wohl nicht so bald mit einem Ende des Protests gerechnet werden kann. „Es ist beschämend, wie unsachlich und diffamierend hier gegenüber den Ärztinnen und Ärzten vorgegangen wird. Insbesondere die Krankenkassen stechen mit Falschaussagen und dumpfem Populismus hervor“, so Löhler. „Kein Arzt wird die OP-Tätigkeit wiederaufnehmen, weil er derart beschimpft wird. Das wirkt sich vielmehr wie ein Turbo für den Ausstieg aus dem ambulanten Operieren aus.“

Auch die Aussage von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) wurde als „haarsträubend“ kritisiert. Die „Äußerungen des Ministers, die er dank enger Verbindungen in die Boulevardmedien verkünden ließ, offenbaren große Wissenslücken über das Abrechnungssystem in der ambulanten Versorgung.“

Zum Hintergrund: Ambulante Teilreform

Um Kliniken zu entlasten, will die Regierung mehr Operationen ambulant durchführen lassen – also ohne Aufenthalt im Krankenhaus. In einem ersten Maßnahmenpaket haben der GKV-Spitzenverband und die Kassenärztliche Bundesvereinigung eine Teilreform des ambulanten Operierens beschlossen. Sie ist seit 1. Januar gültig.

 

Mit dem Beschluss wurden unkomplizierte Operationen (der Kategorien N1 bis N3, darunter fällt die Mandel-OP) in der Vergütung abgesenkt. Das bedeutet, dass die Ärzte weniger Geld von den Krankenkassen bekommen. Konkret geht es insbesondere um die Eingriffe Adenotomie mit Paukenröhrchen sowie um die Tonsillotomie. Für die Eingriffe zahlen die Krankenkassen seit Januar rund 105 Euro (minus 6,42 Euro) beziehungsweise 170 Euro (minus 8,90 Euro). Komplizierte Operationen (der Kategorien N4 bis N7) wurden dagegen angehoben.

Was Eltern wissen müssen

Immerhin scheinen die kleinen Patienten (zumindest zunächst) nicht darunter zu leiden. Denn Mandel-OPs lassen sich aufschieben. Allerdings berichteten die HNO-Ärzte bereits zuvor von einer Wartezeit von vier bis fünf Monaten – mit einem Streik wird sich diese Notlage nun weiter ausweiten.

Besorgten Eltern rät der Starnberger HNO-Arzt Bernhard Junge-Hülsing auf Nachfrage von FOCUS online dennoch zu einem Besuch in einer HNO-Praxis. „Damit entweder die OP für den Sommer geplant werden kann oder bei einem echten Notfall auch früher, aber dann in einer Klinik.“

Auch er unterstützt den Protest. Man mache auf einen Zustand aufmerksam, der seit Jahren andauere. „Die Operationen bei Kindern sind nicht ausreichend finanziert, und offenbar haben Kinder auch kaum eine Lobby.“

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