Gesundheit

Missstände auf der Kinderstation: "Manchmal wird zu wenig und zu spät behandelt. Und manchmal viel zu viel."

Wenn mich junge Kolleg*innen fragen: "Was ist das wichtigste, was eine Kinderkrankenschwester können muss?", dann sage ich: dass du siehst, wie es dem Kind geht. Verändert sich die Hautfarbe des Babys? Die Venen-Zeichnung? Ist das Kind schlapp, steif, ist es schmerzempfindlich, mag es das, was ich mache oder findet es alles unangenehm? Wie ist die Beschaffenheit des Bauches, ist der hart, ist der weich. Schreit es oder schreit es vielleicht schon nicht mehr.

Es gibt Komplikationen bei Frühgeborenen, da verfällt ein Kind ganz schnell, innerhalb von Minuten. Eine winzige Darmperforation etwa und das Kind kann die Nahrung nicht verarbeiten, Darminhalt gelangt in den Bauch. Wenn du erfahren bist und hast das gesehen, dann sagst du: "Hier! Wir müssen uns jetzt richtig beeilen!" 

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Es ist dieser geschulte, erfahrene Blick, der zunehmend verloren geht. Ich bin umgeben von jungen, unerfahrenen Ärzten und von unmotivierten Pflegekräften. Das meine ich gar nicht böse. Die Assistenzärzt*innen erhalten oft nur wenige Monate Einweisung. Und die jungen Pflegerinnen und Pfleger brennen nicht mehr so für ihren Beruf. Wie auch? Sie dürfen wenig selbst entscheiden und es fehlt an Wertschätzung. Die verdienen in Vollzeit so viel wie ich mit meinem Teilzeitvertrag. Aber je unzufriedener die Leute sind, desto mehr denken sie nur noch an sich. Das ist fatal für Teams. Sie zerbrechen. Darunter leidet die Versorgung der Kinder, die Kommunikation zwischen Pfleger*innen und Ärzten, die Kommunikation mit den Eltern.

Pflege-Petition – für eine Pflege in Würde


"Am Ende hatte Frieda einfach Glück": Der Pflegekräftemangel gefährdete das Leben meiner Tochter

Manchmal wird zu wenig und zu spät behandelt. Kinder leiden unnötig, werden krank oder sterben sogar. Und manchmal viel zu viel. Erst kürzlich kam bei uns ein Kind in der 25. Woche zur Welt, ein extremes Frühchen, der Junge wog 500 Gramm und war fast leblos. Wir mussten ihn reanimieren, was immer eine Gratwanderung ist. Denn selbst wenn das Herz zu schlagen beginnt, wieviel Schaden hat das Kind aufgrund des Sauerstoffmangels genommen? Wir haben das volle Programm gefahren, Katheter gelegt und wirklich Dosis um Dosis an Medikamenten in dieses Kind gepumpt, um Herz- und Kreislauf in Gang zu bekommen. Irgendwann hatte ich Tränen in den Augen und dachte: "Könnt Ihr bitte aufhören, das arme Kind?"

Dann kamen noch mehr Kollegen dazu, die über das Notrufsystem alarmiert worden waren. In einem solchen Fall versucht jeder zu helfen. Und tatsächlich hatten wir auch auf einmal eine Herzfrequenz. Es waren eher jüngere Ärztinnen und Ärzte, die dann sehr kämpferisch gesagt haben: "Das schaffen wir jetzt! Wir geben alles!" Aber ich wusste aufgrund meiner Erfahrung, das wird überhaupt nicht klappen. Wir haben das Kind drei Stunden erstversorgt. Dann ist es verlegt worden. Es lebte noch eine Woche. Es hatte von Anfang an keine Hirnaktivität. Ich bin mir sicher, wenn andere Leute in dem Team gewesen wären, dann wäre dieses Kind einfach auf dem Arm der Mutter eingeschlafen. 

*Name anonymisiert; der richtige Name ist der Redaktion bekannt

Über die Aktion:

Es geht um Ihre Kinder, Eltern und Großeltern, um unser aller Zukunft. Wir brauchen gute Pflege. Früher oder später. Deutschland altert schnell, und immer mehr Menschen sind im Alltag auf professionelle Pflege angewiesen. Doch in den Krankenhäusern, Heimen und bei den ambulanten Diensten herrscht ein enormer Pflegenotstand. Überall fehlen Pflegekräfte, weil die Arbeitsbedingungen schwer zumutbar sind und das Gehalt zu niedrig. Wir alle sind davon akut bedroht: Pflegekräftemangel führt zu schwereren Krankheitsverläufen, mehr Komplikationen und Todesfällen. Unsere Politiker:innen finden seit zwei Jahrzehnten keine wirksame Gegenmaßnahme. Es braucht einen ganz großen Wurf, um den Pflegekollaps noch aufzuhalten. Unser Umgang mit dem Thema Pflege entscheidet darüber, wie menschlich unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert bleibt.

Hier können Sie die Pflege-Petition online mitzeichnen.

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