Gesundheit

MMS boomt in Lateinamerika wegen COVID-19

In Lateinamerika trifft der COVID-19-Erreger auf Armut, ein desolates Gesundheits- und Bildungssystem sowie zum Teil wissenschaftsferne Politiker. Neben hohen Fallzahlen und vielen Toten bringt das auch den Glauben an „Wundermittel“ gegen die Seuche mit sich – MMS ist eines davon, mit gefährlichen bis tödlichen Folgen.

MMS – das steht für „Miracle Mineral Supplement“. Bei Apothekern und anderen wissenschaftlich Gebildeten stellen sich bereits beim Lesen dieses „wunderlichen“ Namens erste Symptome wie Gänsehaut, leichte Übelkeit und etwas Kopfschmerzen ein, denn die „mineralische Wunderlösung“ hat eine bereits längere unrühmliche Geschichte.

Dabei ist die Substanz – hinter der sich im Wesentlichen die chemische Verbindung Natriumchlorit, also NaClO2, das Natriumsalz der Chlorigen Säure verbirgt – an sich recht nützlich. Als Desinfektionsmittel im Schwimmbad etwa oder für Oberflächen – jedenfalls, solange man es nicht schluckt oder anders inkorporiert. Natriumchlorit reagiert mit schwachen Säuren (in MMS ist Citronensäure enthalten) zu Chlordioxid, was ein starkes Oxidationsmittel ist, das außer zur Desinfektion auch zum Bleichen von Papier oder Textilien verwendet wird.

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Besonders in den Ländern Lateinamerikas, wo nicht nur in Brasilien derzeit die COVID-19-Pandemie besonders hohe Fall- und Todeszahlen beschert, verbreitet sich aktuell der Glaube (nicht nur) an MMS als „Wundermittel“ gegen das Virus. Befeuert wird das über angebliche Studien, die über die sozialen Medien Verbreitung finden und die von einigen Schlüsselfiguren der etablierten MMS-Szene erstellt wurden.

Angebliche Studie aus Ecuador

So berichtet etwa das Recherchenetzwerk correctiv über einen auch auf Deutsch geteilten Text, der ursprünglich in den „Natural News“ erschienen ist (eine laut Wikipedia rechtsextreme Seite für Verschwörungstheorien und Fake-News). Diesem geteilten Text zufolge sei Chlordioxid respektive MMS wirksam gegen COVID-19. Eine Studie aus Ecuador mit intravenös verabreichtem Chlordioxid habe mehrere Patienten geheilt. Der „Studienautor“ Andreas Kalcker ist dabei ein bekannter Name in der MMS-Szene.

Der gebürtige Wuppertaler, der in der Schweiz lebt und dort das „Institut für Elektrosmog-Prävention“ mit betreibt, beschäftigt sich neben MMS, über das er mehrere Bücher geschrieben hat, auch mit Elektrosmog, Bioresonanz und Biofeedback. Letzteres wiederum ist tief verwurzelt unter anderem in der Scientology-Bewegung. Der ursprüngliche „Erfinder“ von MMS, der US-Amerikaner Jim Humble, der aktuell in Mexico lebt, war 25 Jahre Mitglied dieser Sekte und hat mittlerweile eine eigene gegründet. MMS bewegt sich daher in dem verstrickten Dunstkreis verschiedener Verschwörungstheorien – mit auf wissenschaftlicher Empirie basierten Argumenten ist dem Glauben an die Wirkung des Mittels daher kaum beizukommen.

Berichte aus ganz Lateinamerika

So argumentieren etwa Blogs wie „Trainings die bewegen“ mit Wortspielereien wie „Chlor und Chlordioxid … sind ebenso unterschiedliche Stoffe wie … Wasser und Wasserstoff“ und bemühen so hinkende Vergleiche wie „es würde auch niemals jemand auf die Idee kommen zu behaupten, eine Wasserbombe sei dasselbe wie eine Wasserstoffbombe!“. Allen empirischen Gegenargumenten wird entgegengehalten, die etablierte Medizin sei Teil einer großen Verschwörung. Kalckers auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Portugiesisch erhältliches Buch über das Thema heißt dann auch „Gesundheit verboten – Unheilbar war gestern“.

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