Gesundheit

Spahn will 50er-Inzidenz aus dem Gesetz streichen: Auf welche Werte es stattdessen ankommt

7-Tage-Inzidenz – diesen Begriff kannte vor zwei Jahren kaum einer. Heute informiert sich ein Großteil der Bevölkerung fast täglich über diesen Wert. Doch der Fokus könnte langsam von ihm abrücken. In einer zunehmend geimpften Gesellschaft werden andere Messwerte wichtig.

Die deutschlandweite 7-Tage-Inzidenz liegt am Montag, 23. August, bei 56,4. Laut den Zahlen des Robert-Koch-Instituts hat fast die Hälfte aller Kreise den Wert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen überschritten. Dieser galt lange als Schwelle für schärfere Maßnahmen: Wo er erreicht wurde, traten strengere Kontaktbeschränkungen und eine Testpflicht in Kraft.

Doch diese 50er-Marke könnte bald an Bedeutung verlieren. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich nun dafür ausgesprochen, diese Messgröße aus dem Infektionsschutzgesetz zu streichen. "Die 50er-Inzidenz im Gesetz, die hat ausgedient", sagt der CDU-Politiker am Montag im ZDF-"Morgenmagazin".

Einige Bundesländer sind von der Fokussierung auf die Inzidenzen bereits abgerückt. Seit dem 16. August setzt etwa Baden-Württemberg auf die 3G-Regel. Das bedeutet: Unabhängig von der aktuellen Inzidenz haben Menschen zu bestimmten öffentlichen Bereichen nur Zutritt, wenn sie geimpft, genesen oder getestet sind. Das gilt unter anderem für Kulturveranstaltungen in Innenräumen.

"Deswegen ist mein Vorschlag, jetzt auch diesen Maßstab, diese 50er-Inzidenz, aus dem Gesetz zügig zu streichen", sagt Spahn. Darüber könnte der Bundestag noch vor der Wahl am 26. September entscheiden.

Darum hat die Inzidenz ausgedient

Der Wert – nicht mehr als 50 neue Infektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen – habe für eine ungeimpfte Bevölkerung gegolten, erklärt Spahn. Eine steigende Impfquote verändert die Bedeutung der Inzidenz. Liegt die bundesweite 7-Tage-Inzidenz heute bei 56,4, hat dieser Werte eine ganz andere Bedeutung als noch am 22. Oktober 2020. Auch damals lag die Inzidenz bei knapp über 56 – die Bevölkerung hatte jedoch noch keinen Impfschutz.

Bei der Interpretation der Inzidenz-Kurve muss der Impffortschritt berücksichtigt werden. Beispielsweise ist eine gleichbleibende Inzidenz ein schlechtes Zeichen, wenn der Anteil an Geimpften in der Bevölkerung weiter steigt. Das spricht dafür, dass sich das Coronavirus unter jenen, die noch nicht immun sind, stärker verbreitet. Denn der Anteil derer, die sich mit dem Virus infizieren können, ist kleiner geworden, die Zahl der Neuinfektionen aber gleich hoch. Steigende Impfzahlen, aber eine stabile Inzidenz bedeuten: Es infiziert sich ein immer größerer Teil der Nicht-Geimpften.

Intensivbetten, Reproduktionszahl, Impffortschritt

Die reinen Inzidenz-Werte konnten das reale Pandemie-Geschehen noch nie perfekt abbilden. Das liegt nicht nur daran, dass sich Datenfehler einschleichen können und Nachmeldungen die Kurve verzerren. Für ein realistisches Bild der Lage sind weitere Faktoren wichtig. Das betonen Experten bereits seit Beginn der Pandemie. So forderte unter anderem Reinhard Sager, Präsident des Deutschen Landkreistages, die Belegung der Intensivbetten, die Reproduktionszahl und den Impffortschritt mit in die Betrachtung einzubeziehen.

"Wenn ein Landkreis zwar eine hohe Inzidenz aufweist, aber gleichzeitig sehr viele freie Krankenhausbetten hat und die Impfungen gut voran gehen, muss man dies berücksichtigen können", sagte Sager im April 2021. "Die reine Anknüpfung an Inzidenzen wird dem Pandemie-Geschehen nach mehr als einem Jahr und den regional sehr unterschiedlichen Situationen nicht gerecht."

Belegung der Intensivbetten berücksichtigen

Während der zweiten Corona-Welle in Deutschland ist die Belegung der Intensivbetten rasant angestiegen, Kliniken meldeten Engpässe. „Selbst Notfälle können nicht immer umfassend bei uns versorgt werden“, berichtete im April 2021 Michael Hallek dem "Kölner Stadtanzeiger". Der Mediziner ist Leiter der Klinik I an der Universitätsklinik in Köln.

Dank einer steigenden Impfquote könnte uns eine solche Situation auch bei steigender Inzidenz in Zukunft erspart bleiben. Die Corona-Vakzine können einen schweren Verlauf verhindern, weniger Infizierte müssen intensivmedizinisch betreut werden. "Da die gefährdeten Risikogruppen geimpft sind, bedeutet eine hohe Inzidenz nicht automatisch eine ebenso hohe Belastung bei den Intensivbetten", schrieb Jens Spahn bei Twitter.

Söder will Krankenhaus-Ampel in Bayern etablieren

Die bayerische Staatsregierung strebt daher eine "Krankenhaus-Ampel" an und will dafür künftig von der Sieben-Tage-Inzidenz als Maßstab in der Corona-Politik abrücken. "Aufgrund der hohen Impfquote ist die Methodik der ersten drei Wellen, also sich nur auf die Inzidenz zu konzentrieren, nicht mehr passend", sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) der "Mediengruppe Münchner Merkur tz".

Er kündigte an, dass sich Bayern an das baden-württembergische 3G-Modell anlehnen werde. Für mögliche Einschränkungen wolle Bayern die "Krankenhaus-Ampel" einführen, mit der die Lage auf den Intensivstationen ersichtlich werden soll. Einen Überblick bietet bereits das Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, kurz DIVI. Es stellt tagesaktuell den Anteil der freien Betten auf Intensivstationen sowie den Anteil der Covid-19-Patienten an der Gesamtzahl der Intensivbetten dar.

 

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) Gerald Gaß sagte gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, es sei "absolut vernünftig, auch die Krankenhausbelegung einzubeziehen, um die Gefahren der Pandemie einzuschätzen und entsprechende praktische Schutzmaßnahmen zu ergreifen".

Auch das Robert-Koch-Institut soll die "Hospitalisierung (Krankenhauseinweisung) als zusätzlichen Leitindikator" für die Politik bereits vorgestellt haben. Das hatte Mitte Juli die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf ein "internes Dokument" des Robert Koch-Instituts berichtet.

Die folgende Grafik zeigt die Belegung der Intensivbetten am 23. August 2021: DIVI

Reproduktionszahl prognostiziert weiteren Verlauf der Ansteckungen

Nicht zu vergessen: Die Reproduktionszahl ist für die Einschätzung der Pandemie mindestens genauso entscheidend wie die Inzidenz. Über die Zahl der Neuinfektionen an einem bestimmten Tag hinaus gibt sie an, wie sich die Ansteckungen im Zeitverlauf künftig weiterentwickeln werden. Je niedriger der R-Wert, desto besser. Denn: Dieser Wert zeigt, wie viele andere Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab; liegt er anhaltend darüber, steigen die Fallzahlen.

Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor 8 bis 16 Tagen ab. Das RKI gibt den Wert als 4-Tage-R oder 7-Tage-R an. Das 7-Tage-R gleicht Schwankungen aus, die durch Verzögerungen bei der Datenübermittlung an Wochenenden zustande kommen.

Die folgende Grafik zeigt die jüngste Entwicklung des R-Werts in orange: Robert-Koch-Institut, Lagebericht vom 23. August 2021

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