Gesundheit

Superspreader im Schlachtbetrieb: Wie es zu dem Corona-Ausbruch bei Tönnies kommen konnte

Ein Corona-Ausbruch in einem Tönnies-Schlachtbetrieb beherrschte im Juni die Schlagzeilen: Mehr als 1400 Mitarbeiter der nordrhein-westfälischen Fleischfabrik hatten sich mit dem Virus infiziert. Für den Kreis Gütersloh wurde deshalb zeitweise ein Lockdown verhängt. Seitdem fragt sich die Fachwelt: Wie kam das Virus in den Betrieb? Was hat im Anschluss zu den zahlreichen Infektionen geführt? Und welche Rolle könnten dabei die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie gespielt haben?

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Eine Forschergruppe rund um die Helmholtz-Virologin Melanie Brinkmann hat nun in einer Studie nachgezeichnet, wie sich das Virus in dem Betrieb ausgebreitet haben könnte. Die Ergebnisse sind bislang auf einem Preprint-Server erschienen, wurden also noch nicht von unabhängigen Forschern begutachtet. Die Studie soll aber bald in einem Fachmagazin mit entsprechendem Prüf-Verfahren veröffentlicht werden.

Superspreader in der Rinderzerlegung

Ausgangspunkt des Infektionsgeschehens war demnach zunächst ein einzelner Mitarbeiter in der Rinderzerlegung bei Tönnies. Möglicherweise hatte sich dieser zuvor bei Mitarbeitern eines anderen Fleischbetriebs in Niedersachsen angesteckt. In der Rinderzerlegung soll er das Virus bereits im Mai auf mehrere Personen in einem Umkreis von mehr als acht Metern übertragen haben. In dem betroffenen Bereich wird die Luft umgewälzt und auf zehn Grad Celsius gekühlt.

Der Bonner Hygiene-Experte Martin Exner hatte bereits Ende Juni erklärt, dass die Luftumwälzung möglicherweise ein „entscheidender Risikofaktor“ für die starke Ausbreitung des Erregers gewesen sein könnte – nicht nur bei Tönnies, sondern auch in anderen Schlachtbetrieben, die mit Ausbrüchen zu kämpfen hatten. Die aktuelle Studie bekräftigt diese These.

Schlaglicht auf Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie

„Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedingungen im Zerlegebetrieb – also die niedrige Temperatur, eine niedrige Frischluftzufuhr und eine konstante Luftumwälzung durch die Klimaanlage in der Halle, zusammen mit anstrengender körperlicher Arbeit – die Aerosolübertragung von Sars-CoV-2-Partikeln über größere Entfernungen hinweg förderten“, erklärte Adam Grunhoff vom Heinrich-Pette-Institut, ein Mitautor der Studie. „Unter diesen Bedingungen ist ein Abstand von 1,5 bis 3 Metern alleine ganz offenbar nicht ausreichend, um eine Übertragung zu verhindern.“

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Kurz nach Bekanntwerden des Ausbruchs waren Experten davon ausgegangen, dass die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften oder gemeinsam genutzte Transportmittel zu der starken Ausbreitung des Erregers geführt haben könnten. Zu Beginn des Ausbruchs scheint das aber keine wesentliche Rolle gespielt zu haben, betonen die Wissenschaftler.

Bei der Analyse von Virussequenzen aus dem Mai-Cluster fanden die Forscher zudem acht Mutationen, die zuvor noch nicht beobachtet worden waren. Auch in dem späteren, viel größeren Ausbruch, der im Juni folgte, wurden die Mutationen nachgewiesen. Die Beobachtung deute auf ein „fortlaufendes Ausbruchsgeschehen“ hin, schreiben die Forscher. 

Reihentests bei Tönnies bekräftigen dieses Bild: Wie Tönnies-Sprecher André Vielstädte berichtete, habe sich die Zahl der gefundenen Infektionen von der Rinderzerteilung über die Sauen und später die Schweinezerteilung ausgebreitet. Die Mitarbeiter der einzelnen Abteilungen würden sich beispielsweise auf den Gängen auf dem Weg zur Arbeit treffen. Zudem liegen die einzelnen Bereiche in der Fabrik „nah beieinander“, so Vielstädte.

„Unsere Arbeit wirft viele wichtige Fragen auf, zum Beispiel welche Faktoren Übertragungen in anderen geschlossenen Räumen beeinflussen, etwa in Fitnessstudios oder Restaurants“, sagte Studienautorin und Virologin Melanie Brinkmann im Gespräch mit dem stern. „Oder wie hoch der Frischluftanteil in einem geschlossenen Raum ohne natürliche Frischluftzufuhr sein sollte, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren.“ Sie sei von den Infektionen über so weite Distanzen hinweg überrascht gewesen. 

An der Studie waren neben dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und das Heinrich-Pette-Institut (HPI) beteiligt.

Quellen: Heinrich-Pette-Institut – Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie / Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

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