Gesundheit

Warum mehr Männer am Coronavirus sterben als Frauen

Die Zahl der Infizierten und Todesfälle durch das Coronavirus aus China steigt weltweit weiter an. Neben China melden auch andere Länder wie Iran, Südkorea und Italien sprunghafte Anstiege bei den Fallzahlen. Allein in der norditalienischen Region Lombardei gibt es 165 nachgewiesene Infektionen mit dem Coronavirus (medizinischer Name „Sars-CoV-2“) – vier Menschen starben. In China sind nachweislich 77.150 Menschen mit dem Erreger infiziert. Die Zahl der Todesfälle stieg auf 2592. Die überwiegende Zahl neuer Todesfälle und Infektionen gibt es in der besonders schwer betroffenen Region Hubei in Zentralchina.

Neuartige Lungenkrankheit

Seuchenbericht zeigt, für welche Menschen das Coronavirus besonders gefährlich ist

Während die Fallzahlen steigen, beginnen Forscher damit, den Erreger immer besser zu verstehen. Chinesische Behörden veröffentlichen in der vergangenen Woche den bislang umfassendsten Seuchenbericht zu der Lungenkrankheit Covid-19. In ihm sind wichtige Daten zu Komplikationen und Sterblichkeitsrate detailliert aufgeschlüsselt. Die Daten stammen ausschließlich aus China, sind also nur bedingt auf andere Regionen zu übertragen.

Das Risiko für schwere Verläufe steigt demnach mit zunehmenden Alter – auch chronisch Kranke gelten als besonders gefährdet. Männer und Frauen erkranken demnach in etwa gleich oft. Doch die Sterblichkeitsrate unter Männer (2,8 Prozent) ist signifikant höher als bei Frauen (1,7 Prozent). Woran liegt das? 

Dieser Frage ist eine Reporterin der „New York Times“ nachgegangen. Die höhere Sterblichkeitsrate unter Männern mag für viele Laien überraschend sein – für Forscher ist sie es keineswegs. „Das ist ein Muster, das wir bei vielen Virusinfektionen der Atemwege gesehen haben“, sagte die Forscherin Sabra Klein gegenüber der Zeitung. Die Wissenschaftlerin forscht unter anderem zu Geschlechtsunterschieden bei Virus-Infektionen. Frauen seien besser darin, Viren zu bekämpfen, sagt Klein. Auch die Immunantwort nach Impfungen ist im Vergleich zu Männern erhöht. Gleiches gilt für das sogenannte Immungedächtnis, das den Körper nach einer überstandenen Infektion vor einer erneuten Ansteckung schützt. 

Starke Immunreaktion – Fluch und Segen zugleich

Die Gründe für das starke Immunsystem sind noch unklar – die Forschung zu dem Phänomen steckt noch in den Kinderschuhen. Die Fähigkeit, Kinder zu gebären, könnte dabei eine Rolle spielen. So ist das Immunsystem von Säuglingen noch nicht gut entwickelt – sie sind deshalb darauf angewiesen, über die Muttermilch schützende Antikörper aufzunehmen. Diese passive Immunisierung durch die Mutter wird auch als Nestschutz bezeichnet. Kinder, die über die Muttermilch Antikörper gegen zum Beispiel Masernviren aufnehmen, haben in den ersten Lebensmonaten ein niedrigeres Risiko für eine Ansteckung mit dem Erreger. 

Coronavirus

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Möglicherweise spielen auch das weibliche Sexualhormon Östrogen oder die grundsätzliche Genetik von Frauen eine Rolle. Auf dem X-Chromoson liegen Gene, die in Zusammenhang mit dem Immunsystem stehen. Frauen haben bekannterweise zwei davon (XX) – Männer neben dem Y-Chromosom dagegen nur eines (XY).

Eine starke Immunreaktion zu haben birgt jedoch auch mögliche Nachteile, betont die Ärztin Janine Clayton im Gespräch mit der „New York Times“ . Das Immunsystem von Frauen sei „überschwänglicher“ als das von Männern, was auch eine Erklärung dafür sein könnte, dass so viele Frauen an Autoimmun-Erkrankungen wie Lupus erkranken. Dabei kommt es zu einer Überreaktion des Immunsystems, das fälschlicherweise körpereigene Strukturen attackiert, beispielsweise Organe. Rund 80 Prozent aller Menschen, die an Autoimmun-Erkrankungen leiden, seien Frauen, betont Clayton.

Die Macht des Lebensstils

Neben dem Immunsystem könnten auch Lebensstilfaktoren eine Rolle spielen: Männer rauchen mehr als Frauen und ernähren sich tendenziell ungesünder, was ihr Risiko für Diabetes Typ 2 und Bluthochdruck erhöht. In China raucht jeder zweite Mann – dem gegenüber stehen gerade einmal zwei Prozent bei Frauen. 

Daten des „Chinese Center for Disease Control and Prevention“ zeigen, dass es vor allem lebensstilbedingte Vorerkrankungen sind, die das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf erhöhen: Die Sterblichkeitsrate ist vor allem bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Krankheiten (10,5 Prozent), Diabetes (7,3 Prozent), Atemwegserkrankungen (6,3 Prozent) und Bluthochdruck (6,0 Prozent) erhöht. Bei gesunden Menschen liegt sie bei 0,9 Prozent. Auch dies könnte ein Baustein sein, um die höhere Sterblichkeitsrate unter Männern zu erklären.

Wenn es um die eigene Gesundheit geht, scheinen Männer grundsätzlich nachlässiger zu sein als Frauen: Sie gehen tendenziell später zum Arzt, werden deshalb später behandelt und wenden auch gesundheitsbezogenes Verhalten weniger oft an. So zeigen Studien, dass Männer im Vergleich zu Frauen weniger wahrscheinlich Händewaschen oder Seife benutzen. Dabei wird dies empfohlen, um das Risiko vor ansteckenden Infektionskrankheiten zu senken. 

Fraglich bleibt, ob die Daten aus China tatsächlich auch auf andere Länder übertragbar sind. Forscher gehen davon aus, dass in der stark betroffenen Region Hubei vor allem schwer erkrankte Menschen behandelt werden – mildere Fälle würden aus Kapazitätsgründen erst gar nicht erfasst, was die Sterblichkeitsrate insgesamt deutlich senken würde. 

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern waren jedoch auch bei anderen Infektionskrankheiten zu beobachten – unter anderem bei den zurückliegenden Sars- und Mers-Ausbrüchen, die ebenfalls durch Coronaviren ausgelöst worden waren. Mit einer Studie im Fachblatt Annals of Internal Medicine untersuchten Forscher den Sars-Ausbruch im Jahr 2003 in Hong Kong. Das Ergebnis: Zwar waren insgesamt mehr Frauen als Männer erkrankt. Doch die Sterblichkeitsrate war bei Männern um 50 Prozent höher.

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