Gesundheit

Wird zu willkürlich Alarm geschlagen? Plötzlich gibt es Zweifel an der 50er-Marke

Seit Frühjahr heißt es in ganz Deutschland: Wenn der Inzidenzwert von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner überschritten wird, wird eine Verschärfung der Corona-Regeln nötig. Doch mittlerweile fordern kritische Stimmen ein Update dieses Wertes.

Es war Anfang Mai, als sich Bund und Länder auf einen sogenannten Rückfallmechanismus für härtere Corona-Regeln einigten. Die Länder sollten fortan sicherstellen, dass in Landkreisen oder kreisfreien Städten mit mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den letzten sieben Tagen sofort wieder ein konsequentes Beschränkungskonzept umgesetzt wird.

Bereits der Inzidenzwert von 35 sollte als erstes Alarmsignal fungieren. Überschreitet eine Stadt oder ein Landkreis die 50er-Marke, gilt er als Hotspot.

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50er-Grenze willkürlich gewählt?

Grund für die damalige Festlegung war, dass die örtlichen Gesundheitsämter bis zur Sieben-Tage-Inzidenz von 50 noch in der Lage seien, sämtliche Kontakte und Begegnungen eines Infizierten zu ermitteln, hieß es. Erst am Donnerstag betonte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erneut, dass sich kein Kreis allein gelassen fühlen müsse. Besonders betroffene Städte und Kreise sollten frühzeitig um Hilfe beim Land oder dem Bund bitten, sagte Spahn.

Nun gibt es jedoch vermehrt kritische Stimmen in Bezug auf den Inzidenzwert. So kritisiert Patrick Larscheid, Leiter des Gesundheitsamtes Berlin-Reinickendorf, gegenüber der „Welt“, dass die Grenze von 50 willkürlich gewählt sei. In stark betroffenen Gebieten, wie beispielsweise auch Berlin, hätten Gesundheitsämter bereits bei mehr als 40 Fällen Probleme, alle Kontakte nachzuverfolgen.

„Es gibt aber sicher in anderen Kreisen Kollegen, die bei einer Inzidenz von fünf Fällen pro 100.000 Einwohner und pro Woche schon an ihre Grenzen kommen“, so Larscheid. Der momentan festgelegte Wert habe demnach kaum Aussagekraft darüber, wie gut ein Ort mit Infizierten umgehen könnte.

Kritik kam bereits im Frühjahr auf

Bereits im Mai, kurz nach Einführung des Grenzwertes, wurde diese Kritik vielerorts geäußert. So sagte damals etwa Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes: „Wie die Gesundheitsämter damit klar kommen sollen, ist mir ein Rätsel. Das ist nicht zu schaffen.“ Sie kritisierte, dass schleierhaft sei, woher die Zahl der 50 überhaupt komme, und dass viele Gesundheitsämter bereits damals, bei weitaus niedrigeren Zahlen „auf dem Zahnfleisch gekrochen“ seien. Bettina Engel-Albustin Dr. Ute Teichert ist Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes.

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Aus Sicht des Direktors am Institut für Epidemiologie an der Charité Berlin, Professor Stefan Willich, fehle momentan für die statistische Einschätzung der Corona-Zahlen ein „vernünftiger Bezugsrahmen“. Willich sprach am Dienstag im RBB-Inforadio. Er findet: „Allein wegen der Anzahl der Testung ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass man hier diese Zahl mal überschreitet.“

Unterschiedliche Zahl an Tests in deutschen Großstädten

Immer wieder wurde in den letzten Wochen die Kritik laut, dass Landkreise oder Städte mit einer hohen Anzahl Tests dafür bestraft würden, dass sie als Hotspot eingestuft werden. Recherchen der „Bild“-Zeitung zeigen: Hamburg testete zuletzt rund 69.000 Mal pro Woche, während in Berlin 50.000 Mal und in Köln sogar nur 19.000 Mal innerhalb von sieben Tagen auf Covid-19 getestet worden sei.

In München hatte es zuletzt Ärger gegeben, weil das Robert-Koch-Institut (RKI) und das bayerische Landesamt für Gesundheit (LGL) an einem Tag völlig unterschiedliche Werte veröffentlichten. Daher beschloss die bayerische Staatsregierung, dass künftig einfach die jeweils höchste vorliegende Fallzahl der Behörden ausschlaggebend sei.

Unstrittig ist jedenfalls: Mit der steigenden Zahl an Infizierten gewinnt der Inzidenzwert wieder an Bedeutung. Am Donnerstag überschritten 14 Kreise und Städte in Deutschland die Marke an 50 Neuinfektionen auf sieben Tagen pro 100.000 Einwohner.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Christine Aschenberg-Dugnus, findet: „Der 50er-Richtwert hat sich Deutschland- und europaweit als einheitliche Regelung bewährt und gilt als Orientierung für die internationale Einstufung der Risikogebiete.“ Sie fügt aber hinzu: „Wir sollten uns durch die hohen Infektionszahlen nicht verrückt machen lassen.“ Nicht jeder Infizierte sei auch erkrankt. Zudem sei es wichtig, in die Risikobewertung auch den Hospitalisierungsgrad und die Anzahl der freien Beatmungsplätze mit einfließen zu lassen. dpa/Tobias Schwarz/AFP Pool/dpa Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zusammen mit RKI-Leiter Lothar Wieler. Spahn mahnt insbesondere die Jungen, sich nicht für unverletzlich zu halten.

RKI-Chef Wieler appelliert, mehr als die reine Meldezahl zu betrachten

Auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, appellierte am Donnerstag in der Bundespressekonferenz, mehrere Faktoren in den Blick zu nehmen. Sie alle würden vom RKI ausgewiesen. „Es gibt eine Reihe von Zahlen, die alle von uns berücksichtigt werden. Ein Faktor ist die sogenannte Infektionsdynamik.“ Hier seien die Inzidenzien wichtig, aber auch der R-Faktor sowie die Schwere der Erkrankungen und wie gut die Menschen behandelt werden.

Als weiterer Faktor müsse die Belastung des Gesundheitssystems berücksichtigt werden, mit dem sich ein gutes Gesamtbild der Corona-Lage machen lasse. „Wir betrachten nicht die reine Meldezahl. Sie ist wichtig, aber sie ist nur eine von vielen Zahlen.“ Hier müsse man die Komplexität der Situation beachten, so Wieler.

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