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Schutz vor Covid

Die Zahl der Menschen, die sich gegen Covid-19 impfen lassen, steigt in Deutschland täglich. 55,1 Prozent der Bevölkerung haben mindestens eine Impfdosis erhalten, 37,3 Prozent sind schon vollständig geimpft (Stand: 1. Juli). Sicher warten viele Menschen auf ihren ersten Impftermin oder organisieren diesen gerade.

Doch langsam rücken jene in den Fokus, die sich nicht impfen lassen wollen oder noch abwarten, obwohl sie einen Impftermin bekommen könnten.

Bayerns Vizeministerpräsident Hubert Aiwanger (Freie Wähler) wurde am Dienstag öffentlich von Markus Söder (CSU) gefragt, warum er noch nicht geimpft sei.

»Die Entscheidung, ob sich jemand impfen lässt oder nicht, ist eine persönliche Entscheidung – die nehme ich auch für mich in Anspruch«, erklärte der Politiker. Er wolle sich die Entwicklung »in den nächsten Wochen und Monaten« anschauen. Er sage nicht grundsätzlich Nein zum Impfen, wolle dies aber jetzt nicht. »Wir sollten keinen öffentlichen Druck aufbauen«, forderte Aiwanger.

Aus welchen Gründen zögern Menschen oder lehnen die Impfung ab? Die »Cosmo«-Befragung, in der Menschen regelmäßig Fragen zur Corona-Lage beantworten, listet folgende Faktoren auf:

  • Wer ein größeres Bedürfnis angibt, Nutzen und Risiken der Impfung abzuwägen, hat auch eine niedrigere Bereitschaft, sich impfen zu lassen.

  • Unter Ungeimpften steigt die Wahrnehmung, die Impfung sei überflüssig, da Covid-19 keine Bedrohung darstelle.

  • Wer der Impfung weniger vertraut, ist auch weniger bereit, sich impfen zu lassen.

  • Und: »Personen, die die Impfung eher ablehnen, nehmen zwar wahr, dass es häufiger positive als negative Informationen (z.B. in den Medien) zum Thema Impfen gibt, sie finden die positiven Informationen jedoch nicht so überzeugend wie negative. Bei Geimpften ist es andersrum: Diese finden negative Informationen weniger überzeugend.« In der Psychologie nennt man es Bestätigungsfehler, wenn Menschen Informationen so aufnehmen und sortieren, dass sie besser in ihr Weltbild passen.

Welche Sorgen oder Einstellungen, die von der Impfung abhalten, gibt es – und wie sind sie einzuordnen? Ein Überblick.


Keine Sorge, an Covid-19 zu erkranken

Klar, wenn man die Krankheit Covid-19 nicht als Risiko wahrnimmt, erscheint eine Impfung unnötig.

Was stimmt: Die Mehrheit übersteht eine Coronavirus-Infektion, ohne in ein Krankenhaus zu müssen, Long Covid zu entwickeln oder gar an der Krankheit zu sterben. Das bedeutet aber nicht, dass Covid-19 harmlos ist. Das Risiko einer schweren Erkrankung steigt stark mit dem Alter an, aber die Infektion kann auch für jüngere Erwachsene und sogar für Kinder gefährlich sein.

Der Anteil der Gestorbenen liegt laut Robert Koch-Institut (RKI) »zwischen nahezu null Prozent (jüngste Altersgruppen) bis etwa 10 bis 30 Prozent (80+ Jahre alte Personen; je nach Anzahl der Risikofaktoren)«.

Das RKI schätzt die sogenannte Infektions-Sterberate bei Covid-19 in Deutschland auf 0,4 bis 0,6 Prozent. In dieser Schätzung ist bedacht, dass es jenseits der gemeldeten Corona-Infektionen eine Dunkelziffer nicht erfasster Fälle gab.

Wie oft Menschen nach einer Infektion langfristig mit gesundheitlichen Problemen kämpfen, lässt sich bisher nur grob schätzen. Angenommen wird etwa ein Anteil von zehn Prozent. Was bedeutet: Auf nur zehn Erkrankte kommt ein Fall, in dem der oder die Betroffene noch Wochen oder Monate nach der Infektion mit Beschwerden kämpft.

Bei Long Covid können verschiedene Symptome auftreten, darunter laut RKI »Müdigkeit und Erschöpfung, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Geruchs- und Geschmacksstörungen, kognitive Beeinträchtigungen (sogenannter Gehirnnebel, engl. brain fog), depressive Verstimmungen, Schlaf- und Angststörungen. Weitere genannte Symptome sind Herzklopfen und Herzstolpern, Brustschmerzen und Haarausfall«. Auch Erkrankte mit zunächst milden Symptomen während der akuten Infektion können solche Langzeitbeschwerden entwickeln.

Unterm Strich stellt eine Coronainfektion deshalb immer ein Risiko dar, wobei dieses für einen gesunden 20-Jährigen natürlich dramatisch geringer ist als für eine vorerkrankte 80-Jährige. Alle Impfungen schützen sehr zuverlässig vor schweren Covid-19-Verläufen.

Die Sorge vor Nebenwirkungen der Impfung

Dass eine Corona-Impfung nicht nur Freude bereitet, ist bekannt. Typische Impfreaktionen treten häufig auf: ein schmerzender Arm, Kopf- und Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit oder Fieber. Vermutlich führen diese bekannten Nebenwirkungen aber nicht zu einer kompletten Ablehnung der Impfung.

Doch darüber hinaus ist für die Vektorimpfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson eine sehr seltene, aber schwere Nebenwirkung bekannt, das sogenannte TTS, bei dem Betroffene Blutgerinnsel und einen Blutplättchenmangel entwickeln. Die Komplikation ist so selten, dass man sie nicht in den Zulassungsstudien ausmachen konnte, sondern erst nach Beginn des Impfens. Infolge des bekannt gewordenen Risikos hat die Ständige Impfkommission diese Impfung nur für Menschen ab 60 Jahren empfohlen, für die eine Coronainfektion gefährlicher ist als für Menschen unter 60.

Zusätzlich kursieren diverse Gerüchte, was die Impfungen angeblich verursachen können. Genannt werden etwa Unfruchtbarkeit und Krebs. Für beides gibt es keinerlei plausible Belege.

Einen guten Hinweis darauf, dass die Impfung offensichtlich nicht die Fruchtbarkeit angreift, bietet ohne Absicht die Zulassungsstudie von Biontech und Pfizer: Vor Studienbeginn mussten Teilnehmerinnen einen Schwangerschaftstest machen, Schwangere wurden ausgeschlossen. Sie sollten zudem mindestens 28 Tage nach der Impfstoffgabe verhüten. Im Studienzeitraum gab es dennoch 23 Schwangerschaften: Zwölf in der Impfstoffgruppe, elf in der Placebogruppe.

Und was ist mit Krebs? Grundsätzlich entstehen bösartige Tumoren, wenn Zellen sich unkontrolliert teilen und zusätzlich in umliegendes Gewebe eindringen. Verbreiten sich Krebszellen etwa über die Blutgefäße im Körper, kann es zu Metastasen, also Krebsgeschwulsten, in anderen Körperregionen kommen. Der unkontrollierten Teilung gehen Mutationen im Erbgut dieser Zellen voraus. Denn Zellen haben eigentlich Sicherungsmechanismen, die Krebs verhindern.


Krebs kann aufgrund eines schrecklichen Zufalls entstehen: Wenn bei ganz normalen, ständig stattfindenden Zellteilungen entscheidende Fehler passieren, die nicht korrigiert werden.

Darüber hinaus sind viele Risikofaktoren für Krebs bekannt: UV-Strahlung, Rauchen und bestimmte Chemikalien zählen dazu. Manche Menschen kommen bereits mit einem höheren Krebsrisiko zur Welt, weil ihr Erbgut bestimmte Mutationen aufweist, bekannt sind etwa Mutationen, die das Brustkrebsrisiko stark erhöhen.

Und schließlich können auch einige Viren das Krebsrisiko erhöhen, bekannt sind etwa HP-Viren, die Gebärmutterhalskrebs und andere Krebsarten auslösen können – weshalb inzwischen empfohlen wird, Jugendliche vor dem ersten Sexualkontakt gegen HPV zu impfen.

Ein plausibler Mechanismus, wie die Corona-Impfungen das Krebsrisiko erhöhen sollen, ist schlicht nicht bekannt. Diese Impfungen verändern das menschliche Erbgut nicht.

Was zu einer weiteren Fehlinformation führt, die über die RNA-Impfungen verbreitet wurde:

Die Idee des »Gen-Experiments«

RNA, DNA: Klingt so ähnlich, hat beides mit dem Erbgut zu tun – da lässt sich schnell die Sorge wecken, die RNA-Impfstoffe könnten das menschliche Erbgut, also die DNA im Zellkern, verändern. Doch das geht an den tatsächlichen Gegebenheiten in menschlichen Zellen komplett vorbei.

Die beiden RNA-Impfstoffe gegen Covid-19 (Biontech/Pfizer und Moderna) enthalten sogenannte mRNA. Dieses natürlich im Körper vorkommende Molekül hat die Aufgabe, Informationen aus dem Erbgut im Zellkern (DNA) an den Ort zu bringen, an dem in Zellen Proteine hergestellt werden. mRNA enthält die Baupläne für Proteine. Sie ist sozusagen die Aufbauanleitung für den Heimwerker, der aus vielen Teilen ein Regal zusammenpuzzelt.

Die mRNA im Impfstoff dient genau demselben Zweck wie alle natürlichen mRNA-Moleküle in einer Zelle: Sie bringt Zellen dazu, ein Protein zu produzieren – in diesem Fall ein Virusprotein, damit der Körper eine Immunantwort dagegen entwickelt.

Die mRNA wird dabei nicht in DNA umgeschrieben oder gar ins Erbgut eingebaut. Dazu fehlen menschlichen Zellen tatsächlich die nötigen Werkzeuge. Von allein passiert so etwas nicht. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Nur weil jemand bei sich zu Hause die Anleitung fürs Regalaufbauen aufschlägt, ändert sich im Firmensitz des Produzenten gar nichts.

Bestimme Viren – Sars-CoV-2 zählt nicht dazu! – sind in der Lage, ihr RNA-Erbgut in DNA zu übersetzen und diese dann zunächst in den Zellkern und anschließend ins dort liegende Erbgut hineinzuschmuggeln, also mehrere entscheidende Hürden zu nehmen. Diese Viren haben dafür extra Werkzeuge entwickelt, ohne die dieser Weg fest verschlossen ist. Der Heimwerker mit der Bauanleitung hat dann sozusagen die private Telefonnummer der Firmenchefin und kann sie auch noch überzeugen, etwas an den Regalplänen zu ändern.

Die Haltung, es reiche, wenn die anderen sich impfen lassen

Warum Nutzen und Risiko der Impfung abwägen, wenn ich nur den Nutzen haben kann? So mag manche denken, die auf die Impfung verzichtet – und auf den indirekten Schutz durch eine größtenteils geimpfte Bevölkerung hofft. Mit der Haltung trägt man dazu bei, dass diese Rechnung möglicherweise nicht aufgeht.

Ursprünglich hatte man gehofft, eine Impfquote von 60 bis 70 Prozent könne reichen, um eine Herdenimmunität gegen Sars-CoV-2 zu bilden. Bei dieser kann es zwar immer noch zu vereinzelten Corona-Fällen und kleineren Ausbrüchen kommen, aber das Virus wird durch den hohen Anteil Geimpfter gehindert, sich unkontrolliert zu verbreiten.

Doch inzwischen gehen Experten wie RKI-Chef Lothar Wieler aufgrund der ansteckenderen Corona-Varianten davon aus, dass mehr als 80 Prozent geimpft sein müssen, Wieler sprach von »deutlich über 80 Prozent«.

Ist es realistisch, dass wir das schaffen?

Die regelmäßige Befragung »Cosmo« zur Pandemie berichtet, dass die Impfbereitschaft unter den aktuell noch Ungeimpften bei 49 Prozent liegt. Würden sie sich tatsächlich impfen lassen, ergäbe sich eine Impfquote von 79 Prozent unter den Erwachsenen im Alter von 18 bis 74, so »Cosmo«. Die Befragung »Covimo« kommt aktuell auf eine höhere Impfbereitschaft: Unter den ungeimpften Erwachsenen wollen sich demnach noch gut zwei Drittel Prozent impfen lassen. Damit ließe sich unter den Erwachsenen eine Impfquote von 88 Prozent erreichen.

17 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind jünger als 18 Jahre, 11 Prozent sind jünger als 12 Jahre. Eine Impfquote »weit über 80 Prozent« ist entsprechend ohne die Impfung von Kindern und Jugendlichen nicht erreichbar, selbst wenn sich 88 Prozent der Erwachsenen impfen ließen. Bisher sind lediglich Corona-Impfstoffe ab 12 Jahren in der EU zugelassen. Eine Freigabe für jüngere Kinder könnte im Herbst folgen, mehrere Impfstoffhersteller testen dies bereits in entsprechenden Studien.

Unabhängig von der Frage nach einer Impfung jüngerer Kinder oder einer generellen Impfung ab 12 Jahren ist eine Impfquote von über 80 Prozent kein leichtes Ziel, zumal es auch Menschen gibt, die sich aufgrund anderer Erkrankungen gar nicht impfen lassen können. Je mehr Menschen denken, dass es doch genüge, wenn die anderen sich impfen lassen, desto unwahrscheinlicher wird es, dass wir das wichtige Ziel der Herdenimmunität erreichen.

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