Persönliche Gesundheit

Plötzlich ein Anderer

In seinem früheren Leben war der 46-Jährige gesund und aktiv. Medikamente schluckte der Mitarbeiter eines Bauunternehmens keine, nicht mal Schmerztabletten oder pflanzliche Mittel. Auch Alkohol trank er nur ab und zu in Gesellschaft. Dann aber ändert sich alles, wie Ärzte um Fahad Malik vom Richmond University Medical Center in New York in der Fachzeitschrift „BMJ Open Gastroenterology“ berichten.

Januar 2011: Die Verwandlung beginnt eine Woche, nachdem der Mann aufgrund einer Verletzung am Daumen Antibiotika eingenommen hatte. Plötzlich entwickelt er Gedächtnisprobleme. Seine Stimmung schwankt, er durchlebt depressive Phasen. Oft hat er das Gefühl, dass seine Gedanken vernebelt sind, manchmal verhält er sich auch aggressiv. All das war ihm vorher fremd, jetzt begleiten ihn die Probleme Monat um Monat. Am Ende dauert es sechs Jahre, bis Ärzte ihn befreien können.

Januar 2014: Nach drei Jahren sucht er zum ersten Mal Hilfe. Sein Hausarzt überweist ihn zu einem Psychiater, der ihm ein Antidepressivum und ein starkes Beruhigungsmittel verschreibt. Die Probleme gehen zurück, verschwinden aber nicht ganz.

März 2014: Es folgt der erste Tiefschlag: Eines morgens wird der Mann festgenommen. Der Verdacht: Er ist betrunken Auto gefahren. Als er sich weigert, einen Alkoholtest zu machen, liefern ihn die Polizisten ins Krankenhaus ein. Sein Blut enthält zwei Promille Alkohol. Immer wieder beteuert der Mann, dass er seit Jahren nichts getrunken habe. Weder Ärzte noch Polizisten glauben ihm.

März 2015: Seine Tante ist die erste, die einen Verdacht schöpft. Zufällig erfährt sie von einem Menschen, bei dem sich ungewöhnlich viele Hefepilze im Darm angesiedelt hatten – und Alkohol produzierten. Dadurch war der Betroffene betrunken, ohne getrunken zu haben. Mediziner sprechen vom Auto-Brewery Syndrom. Könnte ihr Neffe ebenfalls darunter leiden? Die Tante überredet ihn, Hunderte Kilometer zu Ärzten in Ohio zu fahren, die dem anderen Patienten geholfen haben.

Mai 2015: Als der Mann in Ohio eine Stuhlprobe abgibt, leidet er schon seit vier Jahren unter den Stimmungsschwankungen. Tatsächlich entdecken die Ärzte in der Probe zwei Hefepilze: Saccharomyces Cervisiae, besser bekannt als Brauereihefe, und die eng verwandte Saccharomyces Boulardii. Beide können Kohlenhydrate aus der Nahrung zu Alkohol zu vergären. Trägt der Mann wirklich eine Brauerei im Darm?


Kohlenhydrate, Hefen und der Alkohol

Kohlenhydrate bestehen aus Zuckermolekülen, die oft in langen Ketten aneinandergereiht sind. Sie sind Hauptbestandteil von Getreide und damit von Brot und Nudeln, kommen aber auch in großen Mengen in Kartoffeln, Bananen, Bohnen und Hülsenfrüchten vor. Wie der Mensch gewinnen auch Hefen aus Kohlenhydraten Energie, allerdings zum Teil mithilfe einer alkoholischen Gärung. Dann entsteht Ethanol. Beim Bierbrauen macht sich der Mensch diesen Vorgang gezielt zunutze.


September 2015: Die Ärzte tischen ihrem Patienten eine Mahlzeit voller Kohlenhydrate auf, dann beobachten sie seinen Alkoholpegel. Nach acht Stunden steigt der Wert auf rund 0,5 Promille – die Tante hatte recht. Einige Zeit nimmt der Mann Antipilzmittel, außerdem soll er strikt auf Kohlenhydrate verzichten. Ein paar Wochen später aber kehren seine Beschwerden zurück.

Februar 2017: Der nächste Tiefpunkt: Im Rausch stürzt der Mann auf seinen Kopf, erleidet Blutungen. Zehn Tage muss er ins Krankenhaus. In der Zeit erreicht sein Pegel zeitweise knapp vier Promille. Wieder glaubt ihm niemand, dass er nichts getrunken hat.

September 2017: Nach erfolglosen Terminen bei Internisten, Psychiatern, Neurologen und Gastroenterologen kontaktiert der Mann eine Selbsthilfegruppe im Internet. Außerdem reist er nach New York zu Ärzten vom Richmond University Medical Center, die sich mit dem Auto-Brewery Syndrom auseinandersetzen.

September 2017: Es folgt eine Art Neuauflage der ersten Behandlung. Die Mediziner aus New York schicken Proben aus dem Darm ins Labor, dort wachsen zwei Hefepilze, dieses Mal nicht die Brauereihefe, sondern Candida Albicans und Candida Parapsilosis. Beide können Alkohol erzeugen. Erneut beginnt eine wochenlange Behandlung mit Antipilzmitteln und eine strenge kohlenhydratfreie Diät – auch, um die Pilze auszuhungern.

Oktober 2017: Die Beschwerden nehmen ab – doch dann kommt der Rückfall: Ohne Rücksprache mit seinen Ärzten isst der Mann Pizza und trinkt Limonade, beides Kohlenhydrat-Bomben. Sein Körper reagiert heftig, er muss ins Krankenhaus.

Januar 2018: Es folgen weitere Wochen mit Antimykotikum und strenger Diät. Die Ärzte trauen dem Ganzen jedoch noch nicht. Zur Sicherheit verordnen sie dem Mann zusätzlich sechs weitere Wochen Antipilzmittel, dieses Mal intravenös.

Februar 2018: Am Ende der Therapie entnehmen die Ärzte ein zweites Mal Proben aus dem Darm. Dieses Mal wächst keine Hefe mehr. Auch nach 200 Gramm Glukose bleibt der Alkoholpegel des Patienten bei null, die Pilze sind vertrieben.

Mai 2019: Nach mehr als sechs Jahren ist der Mann in seinen alten Lebensstil zurückgekehrt, inklusive Pizza, Limo und anderen Mahlzeiten voller Kohlenhydrate. Einen Rückfall hat es in den anderthalb Jahren seit dem Ende der Therapie nicht gegeben.

Die Ärzte können nicht mit Sicherheit sagen, wie sich der Mann die Hefen eingefangen hat. Wahrscheinlich aber ist, dass die Antibiotika-Einnahme vor Beginn der Beschwerden einen großen Einfluss hatten. Die Mittel töten nicht nur Krankheitserreger, sondern können auch hilfreiche Darmbakterien dezimieren. Dann besteht das Risiko, dass sich Hefepilze oder andere schädliche Mikroben ausbreiten. In der Regel aber erholt sich der Darm bei gesunden Menschen von alleine wieder.

Auch das Auto-Brewery Syndrom ist sehr selten – obwohl wahrscheinlich viele Menschen eine Brauerei im winzigen Maßstab in sich tragen. Bei einer Studie mit 1400 Menschen in Saudi-Arabien entdeckten die Forscher bei vielen von ihnen Alkoholspuren, obwohl sie nicht tranken. Die Mengen waren allerdings so gering, dass sie komplett folgenlos blieben.

Quelle: Den ganzen Artikel lesen