Persönliche Gesundheit

Sechs Monate Durchfall

Bis zu 15-mal am Tag muss der Mann auf die Toilette. Er leidet an einem blutigen Durchfall. Drei Monate lang erträgt er dies, bis er seinen Hausarzt aufsucht. Der Mediziner lässt eine Bakterienkultur anlegen, die negativ ist. Er verschreibt dem Patienten trotzdem ein Breitband-Antibiotikum, das er sieben Tage lang einnehmen soll. Gesund wird der 67-Jährige davon jedoch nicht.

Er lässt weitere drei Monate verstreichen, ehe er wieder ärztliche Hilfe sucht: Jetzt meldet er sich in der Notaufnahme des Uniklinikums Dijon-Bourgogne. Neben dem Durchfall haben sich weitere Probleme eingestellt. Der Mann hat seit zwei Tagen Fieber. Zudem schmerzt sein Oberbauch. Seit Beginn der Beschwerden hat er rund fünf Kilo abgenommen, erzählt er den Ärzten.

Die Mediziner notieren, dass der Patient ein Medikament gegen chronischen Bluthochdruck nimmt. Er ist im Ruhestand und lebt mit seiner Partnerin zusammen.

Die Lage der Schmerzen im Oberbauch lässt die Ärzte auf ein Problem mit der Leber schließen. Der Mann hat allerdings keine Gelbsucht, die mit Leberkrankheiten einhergehen kann. Auch ist das Organ nicht krankhaft vergrößert, berichtet das Team um Capucine Martins im Fachblatt „BMJ Case Reports“.

Ein Bluttest offenbart, dass die Zahl der weißen Blutkörperchen erhöht ist, ebenso das sogenannte C-reaktive Protein. Beides spricht für eine Infektion, gegen die sein Körper kämpft.

Abszesse in der Leber

Mittels einer Computertomografie sehen sich die Mediziner Bauch und Beckenbereich des Mannes an. Sein Dickdarm zeigt Anzeichen einer chronischen Entzündung. In der Leber entdecken sie zwei Abszesse die rund sechs bis sieben Zentimeter Durchmesser haben. Aus diesen saugen sie eine rötliche Flüssigkeit ab.

Zu diesem Zeitpunkt können sie noch nicht mit Sicherheit sagen, was die Abszesse verursacht hat. Am wahrscheinlichsten ist, dass sie infolge einer bakteriellen Infektion im Magen-Darm-Trakt entstanden sind.

Weniger wahrscheinlich, aber auch denkbar ist, dass die Bakterien sein Herz angegriffen und dann über die Blutbahn auch die Leber erreicht haben. Und zuletzt können die Mediziner auch nicht ausschließen, dass statt Bakterien andere Krankheitserreger hinter den Beschwerden stecken.

Weitere Tests sollen dies klären. Im Blut lassen sich demnach keine Bakterien nachweisen. In einer Stuhlprobe finden sich keinerlei Spuren typischer bakterieller Durchfallerreger.

Auch die Flüssigkeit aus dem Leber-Abszess scheint frei von Bakterien. Doch die Ärzte können darin Erbgut eines Krankheitserregers nachweisen. Es handelt sich um einen Einzeller, die Amöbe Entamoeba histolytica. Weitere Tests bestätigen dies. Der Mann leidet an einer Krankheit, die in Europa extrem selten auftritt: der sogenannten Amöbenruhr. Die Einzeller haben seinen Darm besiedelt und verursachen so seine Beschwerden. Zusätzlich sind sie für die Abszesse in der Leber verantwortlich, auch dies ist keine untypische Folge einer Infektion mit E. histolytica.

Wie hat sich der Mann infiziert?

Nun wollen die Ärzte wissen, wo sich der Mann mit den Amöben angesteckt hat. Bei den Europa auftretenden Fällen waren die Betroffenen in aller Regel vorher in den Tropen oder Subtropen. Doch der 67-Jährige war noch nie außerhalb Europas.

Allerdings war seine Partnerin in Regionen, in denen die Amöbenruhr auftritt – unter anderem in Indien, Vietnam und Südamerika. Außerdem hatte sie früher einen Partner, der eine Amöbenruhr hatte. Sie selbst litt nie unter Symptomen, doch ein Test zeigt, dass sie die Krankheitserreger in sich trägt. Das ist nicht ungewöhnlich: Bei 90 Prozent der Menschen verursacht eine Infektion mit E. histolytica keine Beschwerden, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin in ihrer Leitlinie zur Behandlung der Krankheit. Die Betroffenen können die Erreger jedoch ausscheiden und andere infizieren. Meist sorgen schlechte hygienische Bedingungen für die Übertragung der Amöben, etwa verunreinigtes Trinkwasser. Die Parasiten können auch beim Geschlechtsverkehr weitergegeben werden. Das war bei dem 67-jährigen Franzosen wohl der Fall.

Das Antibiotikum, das der Mann zunächst wegen des Verdachts einer bakteriellen Infektion bekommen hatte, setzen die Ärzte sofort ab – das Medikament hilft nicht gegen Amöben. Er erhält stattdessen ein Mittel gegen diese Erreger. Binnen 48 Stunden klingen die Leberschmerzen ab, der blutige Durchfall verschwindet und seine Laborwerte pendeln sich wieder im Normalbereich ein. Seine Partnerin nimmt das Medikament ebenfalls.

Bei einem Folgetermin zwei Monate später ist der Mann wohlauf und es sind keine Spuren der Krankheitserreger mehr nachweisbar.

Quelle: Den ganzen Artikel lesen